Fibromyalgie: Schmerz Tag für Tag ertragen

Ständiger Schmerz, Müdigkeit, Schlafstörungen – und mangels geeigneter Diagnose oftmals das Abschieben in die Psycho-Ecke: Das ist der Alltag von Fibromyalgiekranken.

Die Erkrankung Fibromyalgie ist gekennzeichnet durch einen Muskelfaser-Schmerz, der am ganzen Körper auftritt. Daneben gibt es noch zahlreiche unangenehme Begleiterscheinungen wie Muskelverspannungen, Abgeschlagenheit oder depressive Verstimmungen. Da sich die Krankheit so diffus präsentiert, dauert die Diagnose oft jahrelang, viele Betroffene suchen einen Arzt nach dem anderen auf und fühlen sich nicht ernst genommen. Dabei sind allein in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen an Fibromyalgie erkrankt.

Sie ist eine chronisch verlaufende Krankheit, bei der noch nicht geklärte Faktoren zu einer Fehlinterpretation der Schmerzwahrnehmung führen. Auf Dauer führt der ständige Schmerz auch zur seelischen Anspannung, die dann oft in eine Depression mündet.

Ernst genommen wurde das Krankheitsbild erstmalig von amerikanischen Rheumaspezialisten, die 18 Tenderpoints (Druckpunkte) am menschlichen Körper bestimmten. Reagierten mindestens elf dieser Punkte mit Schmerz auf Druck, wurde eine Fibromyalgie diagnostiziert.

„Dieser Ansatz wurde vor kurzem von den gleichen Kollegen relativiert“, erklärt Dr. Andreas Böger, Chefarzt der Klinik für Schmerztherapie am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel. Mittlerweile beantworten Patienten einen klinischen Fragebogen, in dem sie Angaben zu Schmerzbereichen ihres Körpers, zur Schmerzart und Befindlichkeit und zur Intensität der Beeinträchtigung in der Woche vor dem Arztbesuch beantworten. Anhand der Beantwortung dieser Fragen kann man das Beschwerdebild laut Dr. Böger wesentlich korrekter bestimmen.

Dass sich bislang viele Betroffene nicht ernst genommen fühlen und extrem unter ihrer oft schon jahrelang ertragenen Fibromyalgie leiden, wurde in der HNA-Telefonsprechstunde deutlich, bei der Dr. Böger pausenlos gefragt war.

Ich habe Fibromyalgie, fühle mich aber medikamentös nicht richtig eingestellt, da ich nach wie vor unter erheblichen Beeinträchtigungen leide. Ich trage ein opiathaltiges Schmerzpflaster. Zudem hat mir mein Arzt ein Rheumamittel mit dem Wirkstoff Etoricoxib verschrieben. Davon soll ich bei Bedarf 90 mg nehmen. Ich brauche es ungefähr dreimal in der Woche. Es macht mich extrem müde, hilft aber nur wenig.

Böger: Etoricoxib sollte nur kurzzeitig genommen werden, da es langfristig ungünstige Nebenwirkungen hat. Grundsätzlich sollte man bei chronischen Schmerzen aber nicht mit Bedarfsmedikamenten „hinter dem Schmerz herlaufen“, sondern die Medikamente nach einem festen Schema nehmen. Auch opiathaltige Medikamente helfen bei Fibromyalgie eher selten. Da Sie sehr ausgeprägte Symptome haben, ist bei Ihnen eine umfassende Therapie notwendig. Für Sie ist ein Schmerztherapeut der richtige Ansprechpartner.

Nachdem ich eine Odyssee durch viele Arztpraxen hinter mir habe, wurde jetzt Fibromyalgie diagnostiziert. Wie werde ich diese Krankheit wieder los? Was kann ich dagegen unternehmen und wo kann ich mich umfassend informieren?

Böger: Leider ist Fibromyalgie eine chronische Erkrankung wie auch Bluthochdruck oder Diabetes, die bislang nicht heilbar ist. Das Ziel der Behandlung ist, dem Betroffenen eine gute Lebensqualität zu ermöglichen.

Für umfassende Informationen, Adressen von Schmerztherapeuten etc. können Sie sich an die Deutsche Rheuma-Liga wenden. Sie finden sie im Internet unter www.rheuma-liga.de.

Sie sollten sich auch einer Selbsthilfegruppe anschließen, wo Sie sich mit anderen über die Krankheit und deren Bewältigung austauschen können. Adressen der Selbsthilfegruppen erfahren Sie ebenfalls bei der Deutschen Rheuma-Liga.

Ich habe seit einigen Jahren Fibromyalgie und mittlerweile solche Schmerzen, dass ich seit längerem krankgeschrieben bin. Alle Therapien haben bislang nichts gebracht. Meine Ärztin will mich jetzt zu einer Rehabilitationsmaßnahme schicken. Kann das helfen, oder schlagen Sie eine andere Maßnahme vor?

Böger: Solche Reha-Maßnahmen sind sinnvoll, wenn es darum geht, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Wenn Sie sehr starke Schmerzen haben, ist die intensivere akutstationäre Behandlung in einer Schmerzklinik dringend notwendig. Dort lernen Sie Entspannungs- und Gymnastikübungen, werden psychologisch betreut und über die Krankheit beraten sowie mit verträglichen Medikamenten eingestellt.

Ich bin ebenfalls Betroffene und habe von meinem Hausarzt dreimal täglich 40 mg eines Opioides verschrieben bekommen. Trotzdem habe ich nach wie vor Schmerzen, bin andauernd todmüde, komme jetzt aber von dem Medikament nicht mehr herunter. Wenn ich es weglasse, fange ich an zu zittern, zu schwitzen und muss mich übergeben. Was soll ich denn jetzt tun?

Böger: Was Sie beschreiben, sind Entzugserscheinungen, ein selbstständiges Absetzen ist gefährlich. Dieses Schmerzmittel ist aber für Sie anscheinend nicht das richtige. Opioide sind bei Muskelschmerzen nicht sinnvoll, da sie bei den meisten Betroffenen nicht anschlagen.

Da Sie das Medikament schon lange nehmen, geht ein Ausschleichen - also langsames Absetzen - nur noch stationär, um die erheblichen Entzugserscheinungen abzuschwächen und erträglich zu gestalten. Sie müssen dazu also in eine Klinik eingewiesen werden. Erst dann können Sie eine Therapie zur Bewältigung Ihrer Fibromyalgie beginnen.

Mir ist die Therapie in der Kältekammer empfohlen worden. Was halten Sie davon?

Böger: Manchen Betroffenen hilft das sehr gut. Die Wirkung hält allerdings nicht sehr lange an. Sie ersetzt auf keinen Fall das Erlernen von Entspannungstechniken und Gymnastikübungen, mit denen Sie selbstständig etwas gegen Ihren Schmerz tun können.

Quelle: HNA

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