Essen ist oft besser als Medizin

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Guten Appetit: Ernährung ist Lebensqualität. Dabei isst auch das Auge mit. Und manch einer mag es kräftiger gewürzt.

Ältere Menschen sollten sich ausgewogen und abwechslungsreich ernähren - Vorsicht ist bei Gewichtsverlust geboten

Ich wohne in einem Seniorenheim. Dort werden häufig sehr schwere, deftige Speisen, zum Beispiel Schweinshaxe, serviert. Ich fühle mich danach immer sehr unwohl - wie kann ich mich denn gesünder ernähren?“, fragt Rosemarie  aus Kassel.

Antworten darauf hat Prof. Dr. Christian Löser, Ernährungsmediziner und Chefarzt der Medizinischen Klinik am Rot-Kreuz-Krankenhaus Kassel.

Wie sollten sich ältere Menschen ernähren?

Für Senioren, also Menschen über 75 Jahren, gelten die gleichen Empfehlungen wie für Erwachsene jeder anderen Altersgruppe. Und in diesen Ratschlägen heißt es, dass die Ernährung möglichst ausgewogen und abwechslungsreich sein sollte. Es ist also nicht der Fall, dass ältere Menschen eine andere Nährstoffumsetzung haben als jüngere und sich deshalb auch anders ernähren sollten. Allerdings entwickeln die Menschen im Alter oft individuelle Unverträglichkeiten - darauf muss natürlich geachtet werden. Grundsätzlich gilt laut Löser aber: „Solange sie sich aus jedem Topf, den unsere Lebensmittelvielfalt bietet, gleichermaßen bedienen, können Senioren alles essen, was ihnen schmeckt.“

Gibt es Nahrungsmittel, auf die ältere Menschen verzichten sollten?

Nein, die gibt es ausdrücklich nicht. Ältere Menschen haben ein anderes Sättigungs- und Geschmacksempfinden als jüngere Menschen und sind deshalb schneller satt. Und damit es nicht zu einer Mangelernährung kommt, sollte ihnen das, was sie essen, auch schmecken - damit sie ausreichend Nahrung zu sich nehmen. Essen sollte also Spaß machen, „und deshalb kann man auch kein allgemeingültiges Paradegericht empfehlen“, sagt der Mediziner.

Wie macht sich eine Mangelernährung bemerkbar?

Äußerlich zunächst einmal durch Gewichtsverlust. Wenn der Gürtel wortwörtlich enger geschnallt werden muss, ist das ein wichtiges Indiz. Und dann sollte gehandelt werden, „denn Mangelernährung ist im Alter einer der negativsten Prognosefaktoren, die es gibt“, sagt Löser. Verlieren alte Menschen an Gewicht, habe dies ernsthafte Auswirkungen auf den Gesundheitszustand: Das allgemeine Wohlbefinden verschlechtert sich, es kommt häufiger zu Krankheiten, im Krankheitsfall steigt das Komplikationsrisiko, die Menschen werden gebrechlich und sogar pflegebedürftig. „Die Folge ist eine Spirale, in der die Menschen aufgrund ihres schlechteren Wohlbefindens noch weniger essen als vorher und sich die Mangelernährung noch verschärft. Deshalb muss diesem Prozess möglichst schnell gegengesteuert werden“, so der Ernährungsmediziner.

Und was kann man gegen Mangelernährung tun?

Aufgrund des verstärkten Sättigungsgefühls sollten möglichst viele kleine Zwischenmahlzeiten eingenommen werden, damit über den Tag verteilt ausreichend Nahrung konsumiert wird. Und diese Zwischenmahlzeiten sollten reich an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen sein. Aber wenn am Nachmittag mal ein dickes Stück Sahnetorte gegessen wird, ist das laut Löser auch nicht schlimm: „Hauptsache, es schmeckt.“

Also sollte in Krankenhäusern und Altenheimen das Essen à la carte angeboten werden?

Das wäre der Optimalzustand, ist aber aus Kostengründen nicht möglich. „Dennoch kann ich von einem Koch, der in solchen Häusern arbeitet, erwarten, dass er sich auf die individuellen Vorlieben der Patienten einstellt“, sagt Löser. Zwei bis drei Menüs zur Auswahl sollten deshalb also angeboten werden, und diese Menüs sollten sich nicht jede Woche wiederholen. Löser: „Ernährung ist Lebensqualität und darf nicht zum lieblosen Abfüttern verkommen. Wenn es den Menschen schmeckt, die Speisen nett angerichtet sind und auch noch das Ambiente stimmt, dann kann das Essen oft besser sein als irgendeine Medizin.“

Prof. Christian Löser arbeitet gerade an einem Ratgeber zu diesem Thema. Dieser wird Ende August im Trias-Verlag erscheinen.

Von Christoph Steinbach

Quelle: HNA

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