Einsamkeit ist die größte Gefahr

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Im Interview: Dr. Wilfried Borisch, Leitender Arzt in der Gerontopsychiatrie Haina und stellvertretender Ärztlicher Direktor.

Interview: Psychiatrische Erkrankung im Alter – Dr. Wilfried Borisch informiert über Gründe und Therapie

Werden immer mehr ältere Menschen psychisch krank?

Dr. Wilfried Borisch: Nein. Studien belegen, dass rund ein Viertel der Menschen über 65 psychische Probleme hat. Diese Zahl ist seit 30 Jahren konstant. Ich denke eher, dass die Sensibilität größer geworden ist. Obwohl es im ländlich strukturierten Waldeck-Frankenberg sicherlich noch eher toleriert wird, wenn jemand im Dorf umherirrt, gibt es auch hier eine größere Bereitschaft, in Behandlung zu gehen. Wir haben aber auch einen guten Ruf. Das spricht sich herum.

Sind alte Menschen besonders suizidgefährdet?

Borisch: Alte Männer. Bei ihnen gibt es einen deutlichen Anstieg. Sie neigen häufiger zu drastischen Maßnahmen als Frauen. Ist die Vereinsamung die größte Gefahr? Borisch: Ja. Auch im Ländlichen gibt es viele allein lebende Menschen, deren Kinder weit weg sind. Wenn dann noch eine gewisse körperliche Gebrechlichkeit dazukommt, führt das oft zur Vereinsamung. Wer dann nur im eigenen Saft schmort, kommt salopp formuliert auf komische Gedanken. Der wird dann möglicherweise misstrauisch gegenüber anderen und zieht sich noch mehr zurück.

Gibt es eine typische psychiatrische Erkrankung bei älteren Menschen?

Borisch: Demenz und Depression. Mehr als die Hälfte unserer Patienten sind auf der geschlossenen Station für Krisenintervention bei Dementen. Die anderen sind auf der offenen Station für geistig unbeeinträchtigte, schwerpunktmäßig depressive Patienten. Dazu kommen ein paar alt gewordene Schizophrene.

Ist denn Demenz ein Grund für einen Aufenthalt in der Psychiatrie?

Borisch: Nein. Die Patienten kommen nur dann zu uns, wenn sie zum Beispiel schlagen, nicht mehr essen oder halluzinieren. Halluzinationen können eine Nebenwirkung von Parkinson-Medikamenten sein. Die Leute sehen dann irgendwelche Gestalten: Gespenster, Spinnen oder andere Tiere, vor denen sie sich fürchten. Man kann die Medikamente so einstellen, dass die Gespenster verschwinden. Und man kann durch eine gute emotionale Beziehungsgestaltung zum Abbau von Ängsten beitragen.

Was sind die Gründe für Depressionen bei älteren Menschen?

Borisch: Prinzipiell ähnlich wie bei jüngeren Menschen auch. Biologische Einflüsse, genetische Veranlagung und soziale Einflüsse wie Vereinsamung. Dazu kommen lebensgeschichtliche Ereignisse wie der Tod des Partners, der Kinder oder der ungewollte Umzug ins Altenheim. Da gibt es viele Einflüsse, die beitragen, dass man den Lebensmut verliert. Menschen, die überall helfen wollen und sich für alles verantwortlich fühlen, sind besonders gefährdet. Wenn dann Aufgaben wegfallen und sie selber nicht mehr so können, kommt der depressive Einbruch.

Man sagt alten Menschen ja nach, dass sie immer sturer werden. Sind sie überhaupt beweglich genug, um auf eine Behandlung anzusprechen?

Borisch: In der Regel ja. Eine Depression ist im höheren Alter aber oft hartnäckiger und schwieriger zu behandeln. Die meisten 80-Jährigen haben ja auch körperliche Probleme. Wenn jemand nicht mehr gut laufen kann, beflügelt ihn das nicht dazu, sich noch einmal sportlich zu betätigen oder irgendwohin zu gehen, wo er Leute treffen könnte. Aber die Aktivierung ist wichtig. Natürlich kann man wegen der körperlichen Begleiterkrankungen auch nicht so einfach Antidepressiva geben. Da muss man vorsichtiger herangehen und Wechselwirkungen bedenken.

Wie gut können Sie ihren Patienten helfen?

Borisch: Zwei Drittel werden gut gebessert. Etwa zehn Prozent muss man als chronisch bezeichnen. Drei Viertel können anschließend auch wieder bei ihrer Familie oder in der eigenen Wohnung leben. Nur 22 Prozent gehen anschließend in ein Heim. (zgc)

Tipp

Auf den Ruhestand vorbereiten

Damit Menschen zu Beginn des Ruhestands nicht in eine Depression verfallen, rät Dr. Borisch, sich auf den Ruhestand zu freuen und schon einige Jahre vorher zu überlegen, was sie mit der freien Zeit machen. „Wer Hobbys hat, kann sie ausweiten. Wer immer schon nach Moskau oder London reisen wollte, kann sich das ja fest auf die Agenda für die Rente schreiben. Wichtig ist es auch, die sozialen Kontakte zu erhalten oder sogar auszuweiten. Eine ehrenamtliche Tätigkeit ist auch eine gute Sache. Wenn man merkt, dass man gebraucht wird, bleibt das Selbstwertgefühl erhalten.“ (zgc)

Quelle: HNA

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