Die Einstellung in den ersten zehn Krankheitsjahren scheint den restlichen Verlauf zu bestimmen.

Diabetes: Individuelle Therapie

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An Diabetes Erkrankte müssen in den ersten zehn Jahren gut eingestellt werden und konsequent Insulin nehmen oder spritzen, um den weiteren Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Viereinhalb Millionen Deutsche leiden aktuell an Diabetes. Nach Berechnungen des Deutschen Diabetes Zentrums wird es bis zum Jahr 2030 etwa 5,6 Millionen Erkrankte geben.

Ein großer Teil der Diabetespatienten leidet unter dem Typ 2, einer Zuckerkrankheit, die oft durch einen falschen Lebensstil und falsche Ernährung entsteht. „Wir haben unseren gesamten Lebensstil verändert. Nur essen tun wir noch wie unsere Eltern und Großeltern, die aber oft noch hart körperlich arbeiteten“, erläutert die Diabetologin Dr. Regina Winkelmann-Lind aus Kassel. So erklärt sich, dass das stetige Ansteigen von Adipositas (Fettsucht-) und Diabeteserkrankungen in geradezu parallelen Linien verläuft.

Dem rasanten Anstieg der Krankheiten entsprechend laufen zahlreiche Studien, die vor allem eines gezeigt haben: Diabetes muss individuell therapiert werden. Offensichtlich hat der Körper ein metabolisches Gedächtnis. „Der Körper speichert die ersten zehn Jahre der Krankheitserfahrungen. Diese scheinen wegweisend für den Verlauf zu sein“, erläutert Dr. Winkelmann-Lind. Wer also in den ersten Jahren seiner Diabeteserkrankung stehe, müsse streng eingestellt werden, denn damit könne man den weiteren Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen und vor allem die Spätfolgen minimieren. In diesen Fällen sollte der Hba1c-Wert, ein Diabetes-Blutparameter, der vierteljährlich bis sechsmonatig gemessen wird, nicht über 6,5 Prozent steigen.

Bei Zuckerkranken, die schon länger erkrankt sind und Probleme mit Unterzuckerungen oder Begleiterkrankungen haben, könne man eine leichte Erhöhung des Hb1c- Wertes akzeptieren. Dr. Winkelmann-Lind beantwortete Fragen in der HNA-Telefonsprechstunde.

Ich bin 72 Jahre alt, leide unter Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen und gehe deswegen regelmäßig zum Arzt. Der hat vor drei Monaten eine Erhöhung meines Hba1c-Wertes auf 6,4 Prozent festgestellt und deswegen eine weitere Blutuntersuchung vergangene Woche gemacht, bei der eine Erhöhung auf 7,1 Prozent festgestellt wurde. Muss ich jetzt Diabetes-Medikamente nehmen?

Winkelmann-Lind: Zunächst einmal haben Sie Glück, dass Sie den Diabetes jetzt erst bekommen. Menschen, die ihren Diabetes in einem Lebensalter von über 70 Jahren bekommen, haben große Chancen, dass die Krankheit in ihrem Körper nichts kaputt macht. Gesunde Ernährung und Bewegung können am Anfang einer Diabeteserkrankung oft Medikamente ersetzen. Fragen Sie Ihren Hausarzt, wo Sie an einer Diabetesschulung teilnehmen können. Dabei lernen Sie Alles über eine gesunde Ernährungs- und Lebensweise.

Ich habe riesengroße Probleme mit meiner Zuckererkrankung. Seit 14 Jahren gehen die Werte wie ein Fahrstuhl rauf und runter. Ich spritze morgens und abends ein Langzeitinsulin und spritze noch Normalinsulin zu jeder Mahlzeit. Trotzdem ist keine Stabilität hinzukriegen. Mein niedrigster Wert lag bei 23, mein Hba1c liegt in der Regel bei 9,8 Prozent.

Winkelmann-Lind: Sie haben leider eine Diabetes-Form, bei auch der beste Arzt Ihre Werte nicht hunderprozentig stabil einstellen kann. Bei Ihnen ist vor allem wichtig, die Spitzen abzumildern und die Schwankungsbreite zu minimieren. Eine Unterzuckerung mit einem Wert von 23 ist gefährlich und sollte vermieden werden. In Ihrem Fall halte ich eine Neueinstellung auf einer Diabetesstation für angebracht. Hier sollte auf ein kurzwirkendes Mahlzeiteninsulin umgestellt und der Basalinsulinbedarf neu ermittelt werden. Das ist ambulant nicht so einfach. Die neuen Insuline sind sehr geeignet dafür, eine Unterzuckerung zu vermeiden, so dass ich an Ihrer Stelle durchaus diesen Weg gehen würde.

Ich bin 66 Jahre alt und habe seit drei Jahren Diabetes Typ 2. Ich habe mit einem Hba1c-Wert von 13, 1 Prozent angefangen, jetzt liegt er bei 7, 3 Prozent. Obwohl ich mich viel bewege, nehme ich nicht ab. Woran kann das liegen?

Winkelmann-Lind: Für Ihren Diabetes ist es vollkommen in Ordnung, wenn Sie nicht zunehmen. Da Sie sich jetzt viel bewegen, bauen Sie Muskeln auf, die ja auch etwas wiegen. Gleichzeitig wird Fettmasse abgebaut. Wenn Sie zuviel abnehmen, können Sie auchMuskeleinweiß verlieren und schlapp dadurch werden. Sie sollten versuchen, Ihren Hba1c-Wert noch unter 7 Prozent zu bekommen.

Meine Mutter ist 89 Jahre alt und hat seit 16 Jahren Altersdiabetes. Bislang spritzte sie morgens 15 und abends vier Einheit Insulin. Ihr Hausarzt hat das jetzt überprüft und gesagt, sie solle nur jeden zweiten Abend spritzen. Seitdem ist sie total müde und sie sieht auch äußerlich wie zerknittert aus. Ich mache mir jetzt Gedanken, ob wier die Anweisung des Arztes ignorieren sollen.

Winkelmann-Lind: Bei Ihrer Mutter ist vor allem wichtig, nächtliche Unterzuckerungen zu vermeiden. Sie könnte dadurch einen Schlaganfall erleiden. Bei ihr steht also die Sicherheit im Vordergrund. Sie hat ja bislang schon sehr wenig Insulin abends gespritzt. Mit der Anordnung, nur morgens zu spritzen, geht der Hausarzt diesen sicheren Weg. Bei dem Hba1c-Wert sollte Ihre Mutter unter 8 Prozent liegen, dann ist Alles okay. Die Müdigkeit und die Pergamenthaut können auch daher kommen, dass Ihre Mutter zu wenig trinkt.

Ich nehme zweimal täglich Metformin. morgens bekommen ich solche Durchfälle davon, dass ich mich nicht traue, aus dem Haus zu gehen. Haben Sie eine Rat für mich?

Winkelmann-Lind: Das ist eine bekannte Nebenwirkung des Medikaments. Nehmen Sie die Morgendosis je zur Hälfte morgens und mittags. Der Körper verträgt es dann oft besser .

Quelle: HNA

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