Blutverdünner: Neue Alternativen zu Marcumar

Marcumar stellt seit Jahrzehnten die einzige effektive Blutgerinnungshemmung für Patienten mit Vorhofflimmern, aber auch nach künstlichem Herzklappenersatz sowie Lungenembolien dar.

Im vergangenen Jahr sind jedoch zwei sehr großen Studien zu neuen Medikamente mit sehr viel spezifischer Hemmung einzelner Bluteiweiße vorgestellt worden. Die beiden neuen Substanzen haben sich in verschiedenen Punkten dem Marcumar als überlegen erwiesen. Sie werden ebenfalls oral, in Tablettenform, eingenommen. Die Zulassung auf dem deutschen Markt wird für beide Substanzen in diesem Jahr erwartet.

Zudem gibt es jetzt ein neues nicht-medikamentöses Verfahren zur Verhinderung von Schlaganfällen, wobei mittels eines Herzkatheters das Vorhofohr verschlossen und somit Schlaganfälle verhindert werden. Dieses Verfahren ist jedoch nur für die Patienten vorgesehen, die unter einer medikamentösen Blutgerinnungshemmung Komplikationen entwickeln. Insgesamt ergeben sich so nach Jahrzehnten neue Entwicklungen in dem Bereich der Verhinderung von Schlaganfällen in Folge des Vorhofflimmerns in Konkurrenz zum Marcumar.

Über diese neuen Entwicklungen gab der Chefarzt der Medizinischen Klinik II im Klinikum Kassel, der Kardiologe Prof. Rainer Gradaus, in der HNA-Telefonsprechstunde Auskunft.

Mein Vater hatte akut einen Schlaganfall und soll nun auf einen Blutverdünner eingestellt werden. Welche Vorteile bieten die neuen Medikamente?

Gradaus: Die beiden neuen Wirkstoffe Dabigatran und Rivaroxaban haben einen höheren Wirkungsgrad bei der Verhinderung von Schlaganfällen als Marcumar. Zudem kommt es zu weniger Blutungen im Gehirn. Dafür ist aber das Blutungsrisiko im Magen und Darm etwas höher. Im Gegensatz zu Marcumar wird der Wirkstoff nicht ernährungsbedingt verstoffwechselt. Deshalb entfallen die Schwankungen und die regelmäßige Bestimmung des INR-Wertes im Blut. Der muss ja bei der Einnahme von Marcumar regelmäßig einmal in Woche bis einmal im Monat bestimmt werden und schwankt sehr oft. Er muss zwischen 2.0 und 3.0 liegen. Liegt er darüber, besteht die Gefahr einer Blutung, liegt er darunter, kann ein Schlaganfall drohen.

Ich nehme seit zwei Jahren Marcumar und komme damit eigentlich gut zurecht. Sollte ich meinen Kardiologen bitten, dass ich auf eines der neuen Medikamente umgestellt werde, wenn die auf dem Markt sind?

Gradaus: Nein, derzeit wird eine Umstellung nur dann empfohlen, wenn Sie mit Marcumar nicht zu Recht kommen, wenn Sie es also nicht vertragen oder ständig große Schwankungen beim INR-Wert bestehen.

I ch habe einen Defibrillator, leide unter Herzrhythmusstörungen und Vorhofflimmern. Ich muss Marcumar nehmen, habe jedoch immer Probleme mit starken Schwankungen im INR-Wert. Ich habe einen Morbus Crohn, also eine chronische Darmerkrankung. Welche Therapie empfehlen Sie mir?

Gradaus: Sie sind ein klassischer Fall für das neue Verfahren des Vorhofohr-Okkluder, der mittels Herzkatheter in das Vorhofohr eingesetzt wird und es verschließt. Durch Ihre chronische Darmerkrankung und gleichzeitig stark schwankenden INR-Werten sind Sie bei der Einnahme der im Volksmund genannten Blutverdünner sehr gefährdet, Darmblutungen zu bekommen. Der Verschluss des Vorhofohrs geschieht mit einem Herzkatheter, der durch die Beinvene zum Herz vorgeschoben wird. Um an das Vorhofohr zu kommen, wird die Herzscheidewand punktiert, und man gelangt vom rechten in den linken Vorhof des Herzens, wo dann mit einem Schirm der Zugang zum Vorhofohr verschlossen wird, so dass von dort keine Blutgerinnsel mehr bilden können.

Ich hatte zwei Wochen lang Vorhofflimmern. Eine Elektroschockbehandlung hat nichts gebracht. Erst die Einnahme verschiedener Medikamente hat mein Herz wieder in den normalen Rhythmus gebracht. Mein Arzt hat gesagt, ich könne das Marcumar nach einem halben Jahr wieder absetzen, wenn kein weiteres Vorhofflimmern mehr auftritt. Ist das richtig?

Gradaus: Marcumar bekommen Sie, damit sich im Vorhof keine Blutgerinnsel bilden. Die sind nämlich zu rund 40 Prozent Ursache für einen Schlaganfall. Wenn Sie unter der Medikation sechs Monate lang frei von Vorhofflimmern sind, können Sie Marcumar tatsächlich absetzen. Die Betablocker und Herzrhythmusmedikamente sollten Sie auch über diese Zeit hinaus weiter einnehmen. Bevor Sie aber das Marcumar absetzen, sollten mehrere Langzeit-EKGs gemacht werden, um zweifelsfrei zu zeigen, dass das Vorhofflimmern tatsächlich nicht mehr auftritt. Viele Menschen spüren diese Rhythmusstörung nämlich gar nicht und meinen, sie seien frei von Vorhofflimmern.

Ich nehme Marcumar, habe aber mit ständigen Schwankungen über und unter den zulässigen INR-Wert zu kämpfen. Ich würde gern die neuen Medikamente ausprobieren. Wird denn die Krankenkasse die Kosten übernehmen?

Gradaus: Über die Kosten der Medikamente wissen wir noch gar nichts. Die Pharmaindustrie hat sich da bislang bedeckt gehalten. Wir nehmen an, dass die Preise für die beiden neuen Blutgerinnungshemmer deutlich über dem für das Marcumar liegen. Wir hoffen aber, dass die Krankenkassen zumindest in den Fällen, wo Marcumar nachweisbar nicht den gewünschten Erfolg bringt, die Kosten für die neuen Medikamente übernehmen.

Ich habe eine Schlafapnoe und neuerdings auch mal Vorhofflimmern gehabt. Gibt es da einen Zusammenhang?

Gradaus: Ja, Personen, die eine Schlafapnoe haben, entwickeln auch häufig einen Bluthochdruck. Der ist die Hauptursache für das Vorhofflimmern. Sie sollten sich in einem Schlaflabor untersuchen und eventuell eine Schlafmaske anpassen lassen. Außerdem muss Ihr offensichtlich bestehender Bluthochdruck optimal eingestellt werden.

Quelle: HNA

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