Behandlung bei chronischer Migräne

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Dr. Andreas Böger

Rund 10 Millionen Deutsche leiden an Migräne. Bei zirca 400.000 Betroffenen ist diese sogar chronisch. Das „Gewitter im Kopf“ ist meist ein einseitig pulsierend-pochender Schmerz. In der Klinik für Schmerzmedizin am Roten Kreuz Krankenhaus  (RKH) Kassel behandeln Fachärzte unter der Leitung von Dr. Andreas Böger  zunehmend Patienten mit chronischer Migräne. Eine erfolgsversprechende Therapieform bei diesen Patienten ist hier seit wenigen Jahren die Behandlung mit Botulinumtoxin A – kurz: BTX-A.

„Botulinumtoxin A zeigt bei richtiger Dosierung und Anwendung große Erfolge bei Patienten mit chronischer Migräne und findet schon lange nicht mehr nur in der Ästhetischen Chirurgie seinen Einsatz. Eine Behandlung mit BTX-A sollte aber nur durch geschulte Anwender erfolgen“, sagt Dr. Andreas Böger.

Botulinumtoxin als Behandlungsmethode

Botulinumtoxin ist zwar grundsätzlich giftig, gleichzeitig aber auch eine der wirksamsten therapeutischen Substanzen. Ärzte setzen das lähmende Toxin bereits gegen diverse Muskelkrankheiten, gegen übermäßiges Schwitzen sowie zur Behandlung chronischer Migräne ein. Der Erfolg bei der Migräne beruht gerade nicht auf der lähmenden Wirkung der verspannten Muskulatur, sondern vielmehr auf einer Reduktion schmerzleitender Botenstoffe im schmerzleitenden System, insbesondere dem Trigeminusnerv, der Gesicht, Kopf- und Hirnhäute versorgt. „Das Nervengift reduziert die Frequenz der Migräne-Attacken um durchschnittlich 8 Schmerz-Tage pro Monat; die Attacken sind weniger stark und dauern nicht mehr so lange“, so Dr. Böger. „Wir setzen es seit über zwei Jahren recht erfolgreich ein. So kann die Einnahme von teilweise starken Schmerzmitteln meist deutlich reduziert werden“.

Migräne als häufigste Form von Kopfschmerzen

Von über 200 Kopfschmerzerkrankungen ist die Migräne eine der häufigsten Formen. Sie ist eine komplexe Funktionsstörung des Gehirns, die sich durch häufig auftretende, periodisch wiederkehrende (episodische Migräne) und meist pochende Kopfschmerzanfälle äußert. Die Verlaufsformen sind sehr unterschiedlich. Zu den bekannten Begleitsymptomen zählen Übelkeit, Erbrechen, Schwindel sowie starke Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit. Sehstörungen vor einer Migräne-Attacke werden als Aura bezeichnet. Eine chronische Migräne liegt dann vor, wenn Patienten über einen Zeitraum von drei Monaten mindestens 15 Tage Kopfschmerzen im Monat haben, darunter mindestens 8 Tage Migräne. Wenn an mehr als 10 Tagen Schmerzmittel eingenommen werden, kann ein Medikamentenübergebrauch entstehen, der oft zu einer Chronifizierung der Migräne führt.

Fragen an den Experten Dr. Andreas Böger, Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin am RKH Kassel: Wie funktioniert die Behandlung von chronischer Migräne mit Botulinumtoxin?

Wie und wo wird Botulinumtoxin oder BTX-A verabreicht?

„Es handelt sich um eine Injektionstherapie. Vereinfacht gesagt: Das Toxin wird direkt in Stirn-, Schläfen-, Hals- und Nackenmuskulatur gespritzt und gelangt dann über eine Verbindungsstelle in die verschiedenen Nerven .Dort werden Überträgerstoffe, sogenannte Transmitter, gehemmt, wodurch die überschießende Schmerzleitung in das Gehirn und die dortige Schmerzempfindung reduziert werden.“

Welche Menge Botulinumtoxin ist für die Behandlung vorgesehen?

„Für die BTX-A-Behandlung bei chronischer Migräne werden rund 150-200 Einheiten verwendet. Dies kommt der Menge gleich, die man auch in der Neurologie verwendet.“

Wie ist der Ablauf der Therapie mit Botulinumtoxin?

Die Injektionen werden alle 3 Monate durchgeführt. Eine Reduktion der Frequenz, Stärke und Dauer der Attacken setzt manchmal im ersten Monat, oft aber erst nach der 2. oder 3. Injektionsserie ein. Die Migräne ist dann nicht verschwunden, aber seltener und besser behandelbar.

Vor allem gibt es bei der BTX-A-Therapie im Gegensatz zu medikamentösen Vorbeugemaßnahmen kaum Nebenwirkungen. Die Patienten gewinnen deutlich mehr Lebensqualität.“

Wird die Therapie mit Botuliniumtoxin von den Krankenkassen erstattet?

„Eine Behandlung mit Botulinumtoxin A ist nur für die Therapie von chronischer Migräne zugelassen. Bedingung ist die Gabe durch einen Kopfschmerzspezialisten nach erfolgloser Testung von mindestens 2 Vorbeuge-Medikamenten. Darüber hinaus sollte die Therapie in das multimodale Konzept eines Schmerzzentrums eingebettet sein, denn auch nicht-medikamentöse Maßnahmen haben hier einen großen Stellenwert. Der Patient kann diese Therapie aber auch bei einer episodischen Migräne wählen – muss diese allerdings in dem Fall aus privaten Mitteln finanzieren.“ (nh)

Quelle: HNA

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