Arznei zum Anziehen

Schöne neue Welt: Wer Kopfschmerzen hat, zieht einfach ein  heilendes T-Shirt an, das über die Haut ein Schmerzmittel abgibt. Wer unter Fußpilz leidet, greift zur Anti-Pilz-Socke. Auch die Strumpfhose mit Vitamindepot oder der Asthma-Schlafanzug sind ebenso wie der therapeutische Handschuh für allergiegeplagte Friseure bald schon Wirklichkeit.

"Intelligente Textilien" werden die Zukunft des Medizinwesens prägen. Das sind keineswegs Science-Fiction-Ideen, sondern ganz konkrete Forschungen, an denen Wissenschaftler an der Universitätshautklinik Jena, am Textilforschungszentrum Nordwest in Krefeld oder in den Hohensteiner Instituten Bönnigheim bei Stuttgart seit Jahren arbeiten.

Spezielle Unterwäsche für Neurodermitiker hat sich längst in der Praxis bewährt. Die mit Silber beschichteten Textilien wirken gegen Hautbakterien, die normalerweise die Entzündungen auf der Haut verstärken. Ähnlich wirksam sind bereits Shirts und Hosen mit Lichtschutzfaktor 40, die vor Sonnenbrand und Hautkrebs schützen können. Diese wird durch spezielle Webtechnik oder Farbbeschichtungen erreicht.

Wahre Wundermoleküle sind die so genannten Cyclodextrine: Zuckerverbindungen, die auf Textilien aufgebracht und mit unterschiedlichen Arzneimitteln "geladen" werden können, die sie dann kontinuierlich über die Haut abgeben. Vorbild für diesen Prozess waren die Nikotin- und Östrogenpflaster.

"Mit Cyclodextrinen lassen sich auch innerlich wirkende Medikamente via Haut auf den Körper übertragen", erklärt Peter Elsner, Direktor des Jenaer Kompetenzzentrums "Textil und Haut". Vom Schmerzmittel über Vitamine und Kortisone bis hin zu Insulin oder Östrogen können alle möglichen Wirkstoffe in solche Textilien eingearbeitet werden. Schließlich eignen sich die winzigen Zuckerkörper auch dazu, Schweißabsonderungen zu binden und so geruchsbindende Textilien zu ermöglichen. Beim Waschen entledigen sich die Cyclodextrine ihrer anrüchigen Fracht, ohne selbst dabei zerstört zu werden.

Das Prinzip der heilenden Kleidung steht inzwischen fest. Nur Fragen der optimalen Dosierung und der langfristigen Wirkweise müssen noch geklärt werden. Auch ist das erneute "Aufladen" der smarten Hemden und Höschen mit Wirkstoff noch nicht so gelöst, dass die Kosten im Verhältnis zur Wirkung stehen. Aber in einigen Jahren wird es sicherlich auch Damen-Jeans mit Wirkstoff gegen Cellulite, Jacken, die vor Autoabgasen oder extremen Temperaturen schützen, Hemden, die Stechmücken verscheuchen, oder Jacken, die die Wundheilung beschleunigen, geben.

Durch den Einsatz von Mikro-Elektronik wird der Sportdress möglich, der Blutdruck und Herzfrequenz von Sportlern auf das Handy des Mannschaftsarztes überträgt. Oder Lichtleitfasern an der Fahrradbekleidung werden bei Dunkelheit leuchten und zur Sicherheit im Straßenverkehr beitragen. (obx)

Quelle: HNA

Kommentare