Alter ist wichtigster Risikofaktor

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Spricht offen über seine Erkrankung: Rudi Assauer.

Fragen und Antworten zum Thema Alzheimer-Erkrankung - Eine Heilung gibt es bislang nicht

Das öffentliche Bekenntnis Rudi Assauers, an Alzheimer erkrankt zu sein, bewegt die Nation. Da hat es einen Menschen getroffen mit Profil, mit Persönlichkeit, einen Macher eben. Man ahnt, dass er all das, was ihn ausmacht, wahrscheinlich verlieren wird: Erinnerungen, geistige Fähigkeiten, irgendwann sich selbst.

Schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen in Deutschland teilen das Schicksal des ehemaligen Schalke-Managers. Sie leiden an einer Demenzerkrankung, zwei Drittel an Alzheimer. Die hirnorganische Krankheit ist längst eine Volkskrankheit. Je älter die Menschen werden, umso häufig tritt sie auf. 2050 wird sich die Zahl der Betroffenen vermutlich verdoppelt haben.

Dass die Erkrankung immer häufiger festgestellt und behandelt wird, liege aber auch daran, dass heute genauer und mehr diagnostiziert wird, sagt. Dr. Annette Ammerbach, niedergelassene Neurologin aus Kassel.

Wie macht sich die Alzheimer-Erkrankung bemerkbar?

Zunächst vor allem durch Kurzzeitgedächtnisstörungen: Man vergisst Namen, kann sich an Erlebnisse vom Vortag nicht mehr erinnern. Angehörigen fällt auf, dass der Betroffene zum Beispiel immer wieder dieselben Fragen stellt. Auch Wortfindungsstörungen oder Probleme mit der räumlichen Orientierung sowie Störungen des Denk- und Urteilsvermögens fallen auf. Die Bewältigung des Alltags wird immer schwieriger. Mitunter führt dies dazu, dass der Erkrankte ungehalten reagiert. „Manche kommen dann schon von sich aus in die Praxis, weil sie sich Sorgen machen“, sagt Annette Ammerbach. Bei anderen bleibt die Erkrankung länger im Verborgenen. Hier gebe es eine extrem hohe Spanne.

Was weiß man über die Risikofaktoren?

Der wichtigste Risikofaktor ist das Alter. In der Regel tritt eine Altersdemenzerkrankung erst ab einem Alter von 60 Jahren auf. Etwa bei jedem dritten Menschen ab 65 Jahren wird - statistisch gesehen - im weiteren Alterungsverlauf eine Demenz auftreten. Ammerbach: „Wenn wir alle sehr alt würden, würden wir alle auch irgendwann an Demenz erkranken.“ Auch bestimmte Genotypen tragen wohl ein erhöhtes Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Mitunter gebe es zwar eine genetische Belastung, „eine direkte Vererbung ist aber eine Rarität“, erläutert die Neurologin.

Kennt man die genauen Ursachen der Alzheimer-Erkrankung?

Weltweit forschen Tausende Wissenschaftler derzeit auf diesem Gebiet. Man weiß, dass sich bestimmte Eiweißstoffe im Gehirn verklumpen und sich ansammeln. So lagern sich um die Gehirnzellen sogenannte Plaques ab. Zum anderen treten an den länglichen Ausläufern der Nervenzellen vermehrt Knäuel aus Tau-Proteinen (Tangles) auf. So bricht der für die Zellen lebenswichtige Transport von Stoffen irgendwann zusammen. Reize beziehungsweise Informationen können nicht mehr von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergegeben werden. Der Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten schreitet voran. Neuere Forschungsansätze beschäftigen sich vor allem mit diesen beiden Auffälligkeiten im Gehirn.

Wie lässt sich Alzheimer diagnostizieren?

Die Diagnose wird in der Regel klinisch gestellt, erläutert Annette Ammerbach. Zunächst einmal stützt diese sich auf die Angaben des Patienten und die seines Umfeldes. Mithilfe bestimmter Tests wird der Arzt die kognitiven Fähigkeiten des Patienten untersuchen. Dazu gehören zum Beispiel kleine Rechenaufgaben, Tests zum Sprachverständnis oder zur räumlichen Orientierung. Gibt es Anzeichen für eine Demenzerkrankung, die weit über normale Altersvergesslichkeit hinausgehen, müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden. Dazu gehören Durchblutungsstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, die Lewy-Körperchen-Krankheit, Parkinson oder Vitamin-B 12-Mangel. Bildgebende Untersuchungen können helfen, andere Erkrankungen auszuschließen und Veränderungen des Gehirns, die auch bei Alzheimer nachzuweisen sind, sichtbar zu machen.

Kann man Alzheimer behandeln?

Diese hirnorganische Krankheit ist bislang nicht heilbar. Wenn man aber den Einbruch kognitiver Fähigkeiten feststellt, kann man eine Therapie mit Medikamenten beginnen, die die Zunahme der geistigen Auffälligkeiten und Defizite verlangsamen. Zurzeit werden bei der Therapie zwei verschiedene Medikamentengruppen eingesetzt. Zum einen die Acetylcholin-Esterase-Hemmer. Diese sollen den Abbau des Hirnbotenstoffs Acetylcholin im Gehirn verhindern. Ist dadurch mehr von diesem Botenstoff im Gehirn, bleiben die Nervenzellen länger aktiv. In späteren Krankheitsstadien kann der Stoff Memantine das Gehirn mitunter noch etwas aktivieren. Grundsätzlich beeinflussen lässt sich die Krankheit aber nicht, und nicht alle Patienten sprechen auf die Therapie an, sagt die Neurologin.

Kann man vorbeugend etwas tun?

Ein gesunder Lebenswandel kann auch dazu beitragen, einer Demenzerkrankung vorzubeugen. So sollte man etwas gegen Risikofaktoren für eine Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) tun: Übergewicht abbauen, Blutfettwerte und Bluthochdruck behandeln. Ammerbach: „Was die Blutgefäße schädigt, erhöht auch das Risiko, eine Demenzerkrankung wie Alzheimer zu bekommen.“ Einen präventiven Effekt habe wahrscheinlich auch regelmäßiger Ausdauersport. „Außerdem sollte man sich geistig betätigen und ein aufgeschlossenes interessiertes Leben führen“, empfiehlt die Ärztin. Falls man einmal an Alzheimer erkranke, verfüge man so über weit mehr geistige Ressourcen und könne zunehmende geistige Defizite besser und länger ausgleichen. Seit Jahren versuchen Forscher zudem, eine Impfung gegen Alzheimer zu finden. Doch bisher sind auch groß angelegte Studien dazu fehlgeschlagen.

Von Martina Heise-Thonicke

Quelle: HNA

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