Text vergessen? Hilfe aus dem kleinen Kasten

Susanne Heidt ist gut versteckt in ihrem Souffleurkasten und kann Stichworte zuflüstern, ohne dass Jemand etwas mitbekommt.

Es ist ein seltsamer kleiner Kasten, der in vielen Theatern und Opernhäusern an der Bühne steht. Er ragt ein bisschen vor. Doch wozu ist er gut? In ihm sitzt eine wichtige Person am Theater - ein Vorsager oder eine Vorsagerin.

Vorsagen erlaubt! Es wäre zu schön, wenn das für Klassenarbeiten auch gelten würde. Aber im Theater oder der Oper gehört das dazu. Dem Publikum fällt der Kasten an der Bühne meist gar nicht auf, und das soll auch so sein. Denn darin sitzt eine Souffleuse (gesprochen: suflöse) oder ein Souffleur (gesprochen: suflöa). Aus dem Kasten flüstern sie den Sängern ihren Text zu, sollten sie den mal mitten in der Aufführung vergessen - ganz leise sollte das passieren.

So eine Vorsagerin ist auch Susanne Heidt. Die 39-Jährige ist schon seit über zehn Jahren Souffleuse. Im Moment ist sie an der Oper in Düsseldorf im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Da werden viele Opern gespielt - manche davon sind irre lang. Da lernen die Darsteller natürlich viel Text und manchmal gibt es dann bei der Aufführung „Hänger“ oder „Aussetzer“. So nennt man das, wenn ein Schauspieler oder Sänger plötzlich ins Stocken gerät.

Meistens erkennt eine Souffleuse schon am Gesichtsausdruck, wenn der Schauspieler oder Sänger nicht weiter weiß. Wenn sein Blick hilfesuchend zu ihrem Kasten gleitet, flüstert sie schnell das Stichwort für den nächsten Satz. Dann ist die Szene gerettet. Soufflieren ist französisch und heißt etwa so viel wie flüstern oder hauchen.

Um einen „Hänger“ ausbügeln zu können, muss die Souffleuse oder der Souffleur Text und Noten genau kennen. Beides hat derjenige in einem dicken Buch vor sich. Das kann schon mal 500 Seiten haben.

Die Zuschauer können Frau Heidt nicht sehen, denn in Richtung des Publikums ist der Kasten geschlossen. Aber zur Bühne ist eine Öffnung. So können die Schauspieler und Sänger das Gesicht der Souffleuse sehen. Ihr Körper ist verborgen unter der Bühne, wo die Souffleuse auf einem erhöhten Stuhl sitzt.

„Ich darf nicht mit den Gedanken abschweifen und überlegen, ob ich noch Kartoffeln einkaufen muss. Das könnte gefährlich werden“, erzählt Susanne Heidt. Denn dann weiß sie nicht, wo sie einsetzten muss. Das ist aber zum Glück noch nie passiert. Und das soll auch so bleiben...

Flüster-Job auf dem Stuhl mit Aufzug

Einen lustigen Arbeitsplatz an der Oper in Düsseldorf hat Susanne Heidt: Sie geht unter der Bühne in einen kleinen, schwarz gestrichenen Raum. Dort steht ein bequemer Sessel, der auf einem Hebewerk fest montiert ist.

Drückt Susanne Heidt auf einen Knopf, fährt sie mit dem Stuhl wie in einem Aufzug nach oben durch eine Öffnung.

Wenn ihr Kopf ein Stockwerk höher in dem aufgeklappten Souffleurkasten auf der Bühne erscheint, stoppt sie den Lift. Und dann kann ihre Arbeit beginnen.

Übrigens kann man zu Souffleusen auch noch anders sagen. Es gibt richtig schöne Begriffe für den Beruf, zum Beispiel: „Gute Fee im Kasten“, „Stimme aus dem Untergrund“, „Einflüsterin“ oder „Stichwortgeberin“.

Wenn die Bühne schwarz ist, dann fällt der Souffleurkasten ohnehin nicht auf. Für andere Fälle kann man ihn tarnen: Zum Beispiel mit demselben Fußbodenbelag, der auch auf der Bühne ist.

Und wenn bei einem Bühnenbild Schnee liegen soll - kein Problem: wird der Souffleur-Kasten mit einem weißen Bodentuch bedeckt.

Man kann aber auch etwas vom Theater-Zubehör darauf platzieren, zum Beispiel einen Ritterschild oder einen Mantel.

Manche modernen Theater haben übrigens keinen Souffleurkasten mehr. Dann sitzt die Souffleuse am Bühnenrand oder in der ersten Reihe im Publikum. Je nach Stück bekommt sie manchmal auch einen Platz im Orchestergraben bei den Musikern.

Souffleuse: Schon früh Theaterluft geschnuppert

Schon als Kind gab es für Susanne Heidt nichts Schöneres als Noten mitzulesen. Wenn sie aus der Schule kam, legte sie eine Opern-Schallplatte auf. Dann schnappte sie sich die Partitur - das ist die Zusammenstellung aller Stimmen, die zu einem Musikstück gehören.

Und dann verfolgte sie das Stück.

„Mit sechs liebte ich einfach Opern, besonders den Lohengrin. Das machte mich zwar bei den Mitschülern zum Außenseiter, war mir aber egal“, erzählt die 39-Jährige. Die Eltern von Susanne Heidt arbeiteten beide beim Theater.

Einen richtigen Ausbildungsweg für Souffleusen gibt es übrigens nicht. Am besten ist, wenn einem auswendig lernen leicht fällt, man Musikverstand hat und ein Gefühl für Rhythmus und Melodien.

Außerdem ist es gut, wenn man sich für andere Sprachen interessiert. Denn viele Stücke werden etwa auf Italienisch, Russisch, Französisch und auch Englisch gesungen.

Kniffelige Situationen kann es manchmal auch geben. Es passierte im zweiten Akt der Walküre. Das ist eine seeeehr lange Oper. Susanne Heidt musste mal aufs Klo und zwar ziemlich dringend.

Zum Glück war der Vorhang gerade unten, weil auf der Bühne umgeräumt wurde. Aber wie lange würde das wohl dauern? Kurzerhand klappte Frau Heidt den Deckel vom Souffleurkasten runter. Fuhr ihren Sitz abwärts. Stürmte zum Klo, raste wieder zurück, liftete wieder hoch - und schaffte es gerade noch rechtzeitig. Da hob sich schon der Vorhang. Uff, keiner hatte was gemerkt.

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