Leinen los: Als Binnenschiffer unterwegs

Benedikt beim Putzdienst: Zweimal die Woche müssen die Matrosen das Deck schrubben.

Benedikt und Sebastian stehen an Bord ihres Schiffes und blicken über den Fluss. Die "Navigare" liegt tief im Wasser. Der Frachter hat Kohle geladen.

Binnenschiffer befahren Flüsse, Kanäle und Seen

In Deutschland gibt es rund 700 Binnenschiffer. "Binnen" bedeutet so viel wie "innen". Denn Binnenschiffer sind nur auf Gewässern innerhalb von Ländern unterwegs. Mit ihren Booten befahren sie Flüsse, Kanäle und Seen. Raus aufs Meer fahren sie nicht. Täglich transportieren sie Waren wie Kohle, Getreide oder Salz. In ein modernes Binnenschiff passt eine Menge hinein - etwa so viel wie in 150 Lastwagen.

Aber immer weniger Menschen arbeiten als Binnenschiffer. Gründe dafür gibt es viele. Zum Beispiel ist so ein Frachtschiff sehr teuer. Nicht jeder kann es sich leisten. Inzwischen wird auch mehr auf Zügen transportiert. Außerdem ist Binnenschiffer ein anstrengender Job. Das ganze Jahr über sind die Kapitäne und Matrosen unterwegs - oft auch an Weihnachten und Geburtstagen. Sie haben nur wenig Zeit für Freunde und Hobbys.

Diese Ladung bringen die Brüder von der belgischen Stadt Antwerpen bis nach Mannheim in Baden- Württemberg. Damit verdienen die beiden ihr Geld, denn sie sind Binnenschiffer. Das ganze Jahr über sind die 17 und 23 Jahre alten Jungs mit ihrem Vater Martin Bell auf der "Navigare" unterwegs. Die Familie befährt Flüsse überall in Europa. Ein Arbeitstag an Bord beginnt früh. Morgens um sechs steigt Kapitän Martin Bell ins Steuerhaus, startet die Maschinen und bringt das Schiff auf Kurs. Ein Matrose holt den Anker ein. "Dann geht's los", sagt der Kapitän. An Bord gibt es eine Menge zu tun. Immer muss etwas geputzt, kontrolliert und repariert werden. Denn das Schiff ist riesig! Fast 172 Meter lang - länger als ein Fußballfeld also. Matrose Benedikt muss heute das Deck schrubben. Die Kohle macht besonders viel Dreck. Über 4000 Tonnen haben sie von dem schwarzen Zeug geladen. Das ist etwa so schwer wie 4000 kleine Autos. Benedikt schlüpft in seine grünen Gummistiefel, zieht eine Mütze über und stiefelt übers Schiff. Mit einem Besen scheuert er den Boden blitzblank. Dabei muss er aufpassen! Sonst fällt er ins Wasser. Benedikt prüft auch noch, ob die Maschinen funktionieren. Und er kocht für die ganze Mannschaft.

Seit mehreren Tagen ist Familie Bell schon unterwegs. Das Schiff fährt vorbei an der Stadt Mainz, an Wäldern und Hügeln. Kein einziges Mal waren die drei Männer seit Beginn der Reise an Land. Und wo schlafen sie dann? An Bord! Abends parken die Bells ihr Schiff am Ufer. Sie werfen den Anker aus und machen es sich gemütlich. Auf dem Schiff sieht es nämlich aus wie in einer ganz normalen Wohnung.

An den Wänden hängen Fotos. Ein Töpfchen Basilikum steht auf der Fensterbank. Insgesamt gibt es acht Schlafzimmer, vier Bäder und drei Küchen. Die Jungs haben Fernseher, Computer und Internet. Ihr Essen brutzeln sie auf einem modernen Kochfeld. Es gibt einen Ofen, einen Geschirrspüler und sogar eine Mikrowelle. In einem Sportraum können sie sich fit halten. Und wenn die Sonne scheint, grillen sie oft auf dem Bug. So nennt man die Vorderseite eines Schiffes.

Wasser zum Duschen, Kochen und Waschen kommt aus einem riesigen Tank unter Deck. Einige Tausend Liter passen da hinein. Mehrere Maschinen produzieren Strom. Und eine Ölheizung wärmt die Zimmer. Im Tiefkühler lagern Wurst, Fleisch oder Spinat. Die Vorräte reichen für zwei Wochen.

Das einzig Blöde: "Man kann nicht so schnell weg", findet Kapitän Bell. "Man kann nicht einfach vor die Haustür und ein Eis essen gehen." Und manchmal hätte Benedikt gerne mehr freie Zeit. "Dann könnte ich öfter Freunde treffen und ausgehen", sagt der 17-Jährige. Aber an Land leben? "Nein, das kann ich mir im Moment nicht vorstellen", erzählt Sebastian. "Unser Zuhause ist hier an Bord."

Hintergrund: Schifferkinder gehen aufs Internat

Wie alle Kinder müssen auch Schifferkinder zur Schule. Auf dem Boot können sie dann nicht wohnen bleiben, denn das ist ja ständig unterwegs. Viele Schifferkinder ziehen deswegen mit sechs Jahren in ein Internat. "Am Anfang ist das für die Kinder total schwierig", sagt Claudia Deißler. Sie leitet so ein Haus, das Luisen-Stephanien-Haus in Mannheim.

Dort leben neun Schifferkinder. Für viele ist es komisch, nicht mehr auf dem Wasser zu sein. "Aber sie gewöhnen sich ans Land", sagt Claudia Deuißler. In Mannheim leben die Schifferkinder in einer großen Wohnung mit vielen Kinderzimmern. Ihre Eltern sehen sie nur am Wochenende oder in den Ferien.

Schifferkinder gehen meist in eine ganz normale Schule und wohnen dann im Internat. Dort bleiben sie häufig von der ersten bis mindestens zur zehnten Klasse. Manche wohnen auch weiter dort, wenn sie einen Beruf lernen.

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