Der Zeitpunkt ist wichtig

Beim Umgang mit Pflanzenschutzmitteln müssen Landwirte einiges beachten

Ortstermin auf dem Rapsfeld: (von links) Friedhelm Diegel (Vorsitzender Kreisbauernverband), Anke Roß (Geschäftsführerin Kreisbauernverband), Pflanzenbauberater Frank Käufler sowie die Landwirtsfamilie Sarah, Nicklas, Laurin, Cornelia und Jürgen Ehlert. Käufler hält eine Gelbschale in der Hand, mit der die Schädlingspopulation ermittelt wird. Dahinter steht der Traktor mit Feldspritze. Fotos: Eisenberg

Unterweisenborn. Mit der Feldspritze am Traktor wird Jügen Ehlert dieser Tage durch seine blühenden Rapsfelder fahren. Der Landwirt aus dem Schenklengsfelder Ortsteil Unterweisenborn bringt ein Fungizid aus, um Pilzkrankheiten wie den Rapskrebs zu bekämpfen.

Unsere Serie

Dass Kühe nicht lila sind, wissen die meisten Bewohner des Kreises noch. Dennoch haben auch im ländlichen Raum immer weniger Menschen Bezug zur Landwirtschaft. In Zusammenarbeit mit dem Kreisbauernverband begleiten wir deshalb in unserer Serie die heimischen Landwirte durchs Jahr und erklären, welche Arbeiten gerade anfallen.

In der Wachstumsphase des Rapses kommen mehrfach Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. Nach der Aussaat Ende August wurde mit Herbiziden das Unkraut bekämpft, später Wachstumsregler zur Halmstabilisierung und im April ein Insektizid ausgebracht. Der Einsatz von Chemie auf dem Acker wird kontrovers diskutiert. Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat steht laut Weltgesundheitsorganisation WHO beispielsweise in Verdacht, krebserregend zu sein. Umwelt- und Verbraucherschützer beklagen hohe Risiken für Mensch und Natur, Grundwasser und die biologische Vielfalt.

Pflanzenbauberater Frank Käufler betont jedoch, dass auch die Landwirte schon aus wirtschaftlichen Gründen ein Interesse daran hätten, den Aufwand für Pflanzenschutzmittel gering zu halten. Gespritzt werde nur, wenn es wirklich erforderlich sei, um die Pflanzen gegen Schädlinge und Krankheiten zu schützen. Entscheidend dafür ist laut Käufler die Schadschwelle, also die Größe einer Schädlingspopulation, ab der die erwarteten Ernteausfälle höher sind als die Kosten eines Eingriffs. Das fördere indirekt auch die sogenannten Nützlinge, weil geringe Schädlingspopulationen, die diesen Tieren als Nahrung dienen, toleriert würden. Um die Anzahl zu ermitteln, werden die Tiere in sogenannten Gelbschalen gefangen und gezählt. Zudem liefern Warndienste Prognosen.

Das sagen Kritiker

Umweltverbände wie Nabu oder Greenpeace beklagen, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu einem Rückgang der Bestände von Vögeln und Kleinsäugern führe, da durch die Chemikalien nicht nur die Schädlinge, sondern auch Nahrungsgrundlage und Schutzräume der Tiere vernichtet würden. Ein kontinuierlicher Pestizideinsatz könne zu Resistenzen führen, so dass die Mittel innerhalb weniger Jahre ihre Wirksamkeit verlieren. Um dem vorzubeugen, müssten Landwirte häufig unterschiedliche Pestizide einsetzen. Zudem warnen die Verbände vor möglichen Rückständen von Pflanzenschutzmitteln, während die Hersteller betonen, dass diese unter der zulässigen Höchstmenge für Menschen und Tiere kein Risiko seien. (jce)

Schädlinge wie Rapsstängelrüssler und Rapsglanzkäfer hätten sich durch das kalte Frühjahr kaum vermehrt, erklärt Käufler. Deshalb sei in diesem Jahr keine weitere Insektizidbehandlung nötig. Dass die Landwirte dennoch häufig mit der Feldspritze unterwegs sind, liege daran, dass sich die anstehenden Maßnahmen durch das Wetter auf ein relativ kleines Zeitfenster konzentrieren. So wird die Wintergerste gegen Pilzkrankheiten und zur Wachstumsregulierung behandelt. Auch auf Weizen, Triticale und Roggen werden Mittel zur Halmstabilisierung ausgebracht. Zusätzlich spritzen die Landwirte anfällige Sorten gegen Blattkrankheiten wie Gelb- und Braunrost und bekämpfen auf Maisfeldern das Unkraut mit Herbiziden.

Dass mit dem Einsatz von Insektiziden auch Bienen und wildlebende Nützlinge beeinträchtigt werden, verhehlt der Pflanzenbauberater nicht. Das liege allerdings auch nicht im Interesse der Landwirte. Spritztermine würden deshalb im Idealfall mit den Imkern abgestimmt. Gespritzt werde zudem möglichst morgens und abends, wenn Sonneneinstrahlung und Temperatur die Pflanzen weniger stressen und die eingesetzte Chemie durch Wind und Thermik nicht abdrifte.

Auch die moderne Technik ermögliche es mittlerweile, Pflanzenschutzmittel, die in Wasser als Trägerflüssigkeit aufgelöst werden, sparsamer und gezielter einzusetzen, als noch vor einigen Jahren, erklärt Landwirt Jürgen Ehlert. Bei seiner neuen Feldspritze mit 30 Metern Arbeitsbreite halten Sensoren das Spritzengestänge auch auf unebenen Böden automatisch im richtigen Abstand zu den Pflanzen. Zudem schalte das Gerät GPS-gesteuert in Bereichen des Feldes, die bereits behandelt wurden, die Spritzdüsen ab. Nicht nur die Pflanzenschutzmittel müssen in Deutschland zugelassen werden, um sie einsetzen zu dürfen, müssen Landwirte eine Sachkundeprüfung ablegen und diese Kenntnisse alle drei Jahre auffrischen. Auch die korrekte Funktion der Feldspritze wird alle drei Jahre beim sogenannten Spritzen-TÜV überprüft. Den Vorwurf, dass die Landschaft von Landwirten „clean“ gespritzt werde, lässt Pflanzenbauberater Frank Käufler nicht gelten und verweist auf die Feldränder, an denen Wildpflanzen gedeihen. Ohne Pflanzenschutzmittel ließen sich die gewohnten Erntemengen und -qualitäten jedoch nicht erzeugen.

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