Experten-Anhörung überzeugt Skeptiker von umstrittenen Bau-Projekten in Heringen

Zerfressen im Untergrund

Am Hang gebaut: Die Straße Am Biegenrain in Herfa hat bereits viele Risse und droht abzurutschen. Foto: Hans Ries/nh

Heringen. Hart, härter – Heringen: Wer in der Werra-Stadt Kommunalpolitik machen will, der braucht gute Nerven, zähes Sitzfleisch und am besten ein Bau-Ingenieurs-Studium. Geschlagene drei Stunden dauerte am Donnerstagabend eine Experten-Anhörung zu mehreren strittigen, weil teuren Bauvorhaben.

Dabei ging es unter anderem um die nur rund 600 Meter lange Straße Am Biegenrain in Herfa, die an einem Hang liegt und jederzeit abrutschen könnte. Die notwendige Kanalsanierung kann dort nur nach Abstützen des Hangs mittels eines Spezialverfahrens in Angriff genommen werden. Die meist schon älteren Bewohner der insgesamt nur 16 Häuser an der Straße müssen gesetzlich an den Baukosten von rund zwei Millionen Euro beteiligt werden – ein finanzieller Alptraum.

Ähnlich dringend sind auch die Bauvorhaben in der Wölfershäuser Straße. Dort zerfrisst salzhaltiges Grundwasser die Kanäle von innen und außen und wird zudem in das Klärwerk eingetragen, das deshalb umzukippen droht (wir berichteten ausführlich).

Die Hintergründe der angestrebten baulichen Lösungen erläuterten bei der Anhörung mit viel Geduld und unzähligen Details, Prüf- und Messergebnissen die Planer der beteiligten Ingenieursbüros.

Es geht um viel Geld

Immerhin geht es bei den Projekten ja auch um viel Geld. Deshalb hatten die verunsicherten Stadtparlamentarier, die letztlich über die Bauvorhaben entscheiden müssen, die Kommunalaufsicht eingeschaltet. Die finanzielle Lage der Stadt habe sich in den vergangenen Jahren enorm verschlechtert, hinzu komme die gesetzliche Verpflichtung, ab 2017 ausgeglichene Haushalte vorzulegen, erklärte Peter Stötter (WGH) die Bedenken der meisten Stadtverordneten.

„Sie müssen Ihre Bürger und das Stadtparlament von Ihren Vorhaben überzeugen“, ermahnte bei dem Erörterungstermin die Chefin der Kommunalaufsicht, Marianne Hühn, Bürgermeister Hans Ries. Es gehe um Vertrauensbildung durch umfassende Informationen. Ries wehrte sich gegen den Vorwurf mangelnder Transparenz. Er belegte dies mit vielen Fotos und Dokumenten, die alle auch den Parlamentarieren bekannt seien.

Ries wiederholte zudem seinen Vorwurf, die dringend notwendigen Bauarbeiten seien von seinen Amtsvorgängern bewusst verschleppt worden – einer davon war der Ehemann von Marianne Hühn, der spätere Landrat Roland Hühn.

Nach der rund dreistündigen, zum Teil hitzigen Anhörung zeigten sich sowohl die Kommunalaufsicht als auch die Fraktionsvorsitzenden schließlich doch von der Richtigkeit der vorgelegten Planungen überzeugt. Das letzte Wort hat aber das Stadtparlament.

Deutlich wurde bei der Anhörung aber auch, wie groß das Misstrauen der Stadtverordneten gegenüber Bürgermeister Hans Ries ist. Deshalb werden wohl alle im Rathaus von Fachleuten und Verwaltung erarbeiteten Vorschläge per se in Zweifel gezogen.

Die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Rathaus und Parlament ist in Heringen so zerfressen wie manche Kanäle der Stadt.

Von Kai A. Struthoff

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