Die ehemalige Gastwirtschaft „Zum Goldenen Stern“ ist weitgehend erhalten geblieben

Zeitreise in die 50er Jahre

Alles original: Manfred Hill steht an der Theke der ehemaligen Gastwirtschaft „Zum Goldenen Stern“ in Wölfershausen. Fotos: Eisenberg

WÖlFERSHAUSEN. Wenn Manfred HilI die Tür im Erdgeschoss seines Hauses in Wölfershausen öffnet, fühlt sich der Besucher um ein halbes Jahrhundert zurückversetzt – in einen Dorfgasthof der 1950er Jahre. In dem Raum mit dem Dielenfußboden und den holzgetäfelten Wänden stammt fast alles aus dieser Zeit. Über einem der Tische prangt in großen Lettern „Stammtisch“, kunstvoll aufgemalt auf einen Knochen.

Die hölzerne Theke ist noch mit den originalen Zapfhähnen erhalten. Darauf ein Rahmen mit Bierdeckeln aus Kork. In der Vitrine stehen die Engelhardt-Biergläser auf Hochglanz poliert. An der Wand eine Urkunde, in der die Brauerei dem Inhaber zum 25-jährigen Betriebsjubiläum gratuliert. Nebenan im Vereinsraum mit den Lampenschirmen aus grünem Stoff sind die Stühle auf die Tische gestellt. Lediglich die frische Tapete zeugt davon, dass auch in Wölfershausen die Zeit nicht stehengeblieben ist. Fast scheint es, als habe der Wirt die Gaststätte nur kurz zugesperrt um am Abend wieder zu öffnen.

Doch die Gastwirtschaft „Zum Goldenen Stern“ ist schon seit Mitte der 1970er Jahre geschlossen. Manfred Hills Eltern Georg und Helene waren die letzten Wirtsleute. 1951 ließen sie das alte Fachwerkhaus an der Herfaer Straße abreißen und durch das heutige Gasthaus ersetzen. Mehr als 200 Jahre, das belegt ein Zeitungsartikel, war die Gaststätte damals schon in Familienbesitz.

„Mein Vater war Gastwirt mit Leib und Seele“, erzählt Manfred HilI. Daneben war Georg HilI auch Metzger und Landwirt. „Anfangs gab es nur Hausmacher Wurst“, erzählt Manfred Hill und weist auf ei-nen kleinen Elektro- sowie einen Kohlenherd in der ehemaligen Küche. „Darauf wurde später für alle Gäste gekocht. Wenn im Saal Kirmes war, auch Schnitzel für mehrere hundert Leute“. Der einstige Tanzsaal steht heute leer.

Die Reste der Bühne sind noch erkennbar, die Wände zieren aufgemalte Trinksprüche und fliegende Engel mit Weinreben. „Zur Kirmes im November musste der Saal zwei Tage vorher geheizt werden. Wenn gefeiert wurde, ist das Kondenswasser von der Decke getropft“, erinnert sich Manfred HilI. „Das Bier für größere Veranstaltungen lieferte die Bad Hersfelder Engelhardt-Brauerei in 100-Liter-Fässern, die dann zum Durchkühlen eine Woche in den Keller kamen“, erzählt der 65-jährige. Gewerkschaft, Chöre, Sport- und Radfahrverein alle trafen sich einst im Goldenen Stern zu Übungsstunden und Versammlungen. „Die Leute vom Stammtisch kamen jeden Tag“, erinnert sich Manfred HilI.

Die Stammtisch-Brüder

wurden älter und starben, die Ansprüche der Gäste stiegen im Laufe der Jahre und viele Vereine bauten sich ihr eigenes Vereinsheim oder trafen sich im Dorfgemeinschaftshaus. Als dann noch die Wirtin krank wurde, gab die Familie den Gasthof auf.

Von Jan-Christoph Eisenberg

Kommentare