Elfjähriges Mädchen aus Philippsthal leidet an Rechenschwäche und wartet auf Hilfe

Zahlensalat im Kopf

Wenn Zahlen Fremdkörper bleiben: Rechenschwäche wird in Hessen nur bis zur vierten Klasse anerkannt. Danach werden die Kinder und ihre Eltern mit diesem Problem oft alleingelassen. Foto: Wegst

Philippsthal. Melanie Müller kommen die Tränen, wenn sie über die Probleme ihrer elf Jahre alten Tochter Lara spricht.

Das Mädchen besucht die fünfte Klasse der Blumensteinschule Obersuhl, doch die Versetzung in Klasse sechs ist mehr als gefährdet. Und das obwohl Lara in allen Fächern gute und befriedigende Noten erhält. Nur in Mathe nicht. Da steht eine Sechs. Und die ist wie festgemauert.

Akzeptiert bis Klasse vier

Die Schwächen in Mathe sind bei Lara schon recht früh festgestellt worden. In den ersten vier Klassen konnte sie aber mit Hilfe ihrer Finger die großen Defizite noch ein wenig kaschieren. „Außerdem wird die Rechenschwäche in den ersten vier Klassen in Hessen akzeptiert, sodass meiner Tochter da keine Nachteile entstanden sind“, erklärt Melanie Müller. Doch jetzt, ab Klasse fünf, gibt es keinerlei Schutz mehr für Lara. „Hätte sie eine Lese-Rechtschreibschwäche, dann wäre das anders. Da gibt es sogar die Möglichkeit des Notenschutzes bis hin zum Abitur“, erklärt Melanie Müller.

Warum das so sei, könne sie sich auch nicht erklären. Laras Rechenschwäche ist jetzt sogar am Zentrum für mathematisches Lernen in Kassel festgestellt worden. Das Gutachten weist aus, dass Lara die Arithmetik während der Schullaufbahn nicht erlernen wird. Folglich werde ihr Bildungsabschluss unangemessen niedrig bleiben, obwohl das Mädchen durchaus Potenzial habe. Außerdem sei ihre Erziehung zur Lebenstüchtigkeit bedroht, führt eine integrative Dyskalkulietherapeutin in dem Gutachten weiter aus.

Helfen könne vielleicht eine Therapie. Die kostet jedoch bis zu 3000 Euro im Jahr. Geld, das die alleinerziehende Mutter nicht hat. Mit einem 400 Euro-Job und als Hartz IV-Aufstockerin sei das nicht zu bewältigen. Dem Jugendamt hatte Melanie Müller das 220 Euro teure Gutachten vorgelegt und darauf gehofft, dass das Amt die Rechnung übernimmt – Fehlanzeige. Das Gutachten wurde nicht anerkannt. Und die Krankenkasse will sich nicht an den Therapiekosten beteiligen, da es sich bei Laras mathematischen Defiziten um keine Krankheit handele.

Zum Facharzt nach Alsfeld

Erst wenn ein weiteres, anerkanntes Gutachten eines Facharztes für Jugendpsychiatrie vorliege, werde sich das Jugendamt in Sachen Kosten wieder bewegen. „Dieser Psychologe sitzt in Alsfeld und wir fahren regelmäßig dorthin. Mittlerweile sind vier Monate vergangenen und keine Hilfe ist in Sicht, weil Dyskalkulie nicht anerkannt wird. Wenigstens trägt die Kasse jetzt die Honorare dieses Spezialisten. Aber uns läuft die Zeit davon“, sagt die entnervte Mutter.

Sie hat ihre Tochter nun selbst in einer Fuldaer Einrichtung zur Lernförderung angemeldet. Monatliche Kosten: 180 Euro. „Die zahle ich selbst, damit endlich etwas passiert. Ich werde auch einen Anwalt einschalten, damit Dyskalkulie anerkannt wird und es einen Notenschutz für die betroffenen Kinder und Jugendlichen gibt“.

Auf kurze Sicht wird das ihrer Tochter wohl nicht helfen. Obwohl Lara in der Schule am angeordneten Förderunterricht teilnimmt, hat sich an der miserablen Note in Mathe nichts geändert. Und da das neue Gutachten frühestens im Juli fertig sein wird, muss Lara die fünfte Klasse wohl wiederholen. Und bei dem enttäuschten Mädchen fließen die Tränen.

Von Mario Reymond

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