Wochenendporträt: Brunhilde Heyter aus Hilmes hat 400 Liebesbriefe aufbewahrt

Worte für die Ewigkeit

Brunhilde Heyter mit einem großen Teil der Liebesbriefe, die ihr Mann Peter in seinem Schreibtisch gesammelt hatte. Den Großteil hatten sich die beiden in den Jahren 1952 bis 1955 geschrieben. Foto: Reymond

Hilmes. In unserer heute ach so schnelllebigen Zeit reduziert sich die tägliche Kommunikation zwischen den Menschen auf Nachrichten über das Smartphone oder den Rechner im Taschenformat. Selbst der Griff zum normalen Telefon wird immer seltener. Eine herkömmliche Schreibmaschine benutzt niemand mehr.

Auch der handgeschriebene persönliche Brief dürfte bald schon aussterben. Denn die Menschen, die noch regelmäßig über Briefe kommunizieren, sind heute schon in einem gesetzten Alter. So auch die Erzieherin Brunhilde Heyter (82) aus Hilmes. Sie ist keine Freundin der Technik und bringt ihre Gedanken nach wie vor mit einem Stift zu Papier. So hat sie es immer schon gemacht.

Nummeriert und gebündelt

Weit über 400 Liebesbriefe aus den Jahren 1952 bis 1955 zwischen ihr und ihrem späteren Ehemann Peter belegen dies. Jeden einzelnen dieser Liebesbriefe hat der 2013 verstorbene Peter Heyter zu Lebzeiten in seinem Schreibtisch gesammelt. „Ich habe die Briefe erst nach seinem Tode wiedergefunden. Sie lagen nummeriert und gebündelt ganz hinten in den Schubladen versteckt“, erzählt Brunhilde Heyter.

Die Schriftform war die einzige Kommunikationsmöglichkeit zwischen den beiden, als Peter Heyter im Jahre 1953 die sowjetisch besetzte Zone in Richtung Hessen verließ und seine damalige Freundin in Greifswald zurücklassen musste.

„Er hatte Probleme an der Hochschule, da er im Fach Philosophie nicht die Studien betrieb, die im neuen sozialistischen Staat gerne gesehen waren. Man legte ihm nahe, von der Uni zu verschwinden. Freunde rieten ihm daraufhin, in den Westen zu gehen. Was er auch tat“, erinnert sich Brunhilde Heyter.

Schon vor Peters Ausreise schrieben sich die Liebenden Briefe. Und mit der räumlichen Entfernung, Brunhilde stand noch in der Ausbildung zur Erzieherin, blieb das Schreiben die einzig mögliche Form des Gedankenaustauschs zwischen Ost und West. „Bis zu dreimal in der Woche haben wir uns geschrieben. Wir sind uns in der Trennungszeit dadurch nicht fremd geworden. Ich trete nach wie vor für das Schreiben von Liebesbriefen ein. Nur ehrlich müssen sie sein“, stellt Brunhilde Heyter unmissverständlich klar.

Zwei Jahre dauerte die Fernbeziehung der beiden. Dann beschloss auch die beliebte Erzieherin, ihrem Mann zu folgen. „Ich stand immer unter Beobachtung durch den Staat, weil man von meiner Beziehung wusste. Ich wohnte zu dieser Zeit in einem Dorf mit vielen Landarbeitern und hatte dort einen Sommerkindergarten eingerichtet. Nach meiner Verlobung mit Peter bin ich verpetzt worden und wurde entlassen“, erklärt sich Brunhilde Heyter.

Abschied von den Freunden

Doch viele Menschen, darunter der Pfarrer und der Elternbeirat, standen hinter ihr und planten mit ihr die Flucht. Vorsichtshalber wurde das Abschiedsfest als Sommerfest getarnt. „Dabei gab mir der Pfarrer einen Umschlag. Ich dachte, es sei Geld darin und wollte ihn nicht annehmen. Aber er drängte mich. Ich würde den Inhalt im Westen gut gebrauchen können. Es war mein Zeugnis“, berichtet die 82-Jährige.

Über Eberswalde, wo sie zunächst die Mutter ihres späteren Mannes besuchte – um ständige Beobachter in die Irre zu führen – ging es für sie weiter nach Berlin und von dort im Flieger nach Frankfurt am Main zu ihrem Peter. 1955 heirateten die beiden.

Das Schreiben haben Brunhilde und Peter auch nach dem Wiedersehen beibehalten. „Mein Mann hat mir bis zum Schluss in unser Exemplar seiner hin und wieder erschienenen philosophischen oder biologischen Veröffentlichungen immer etwas Nettes hineingeschrieben“, freut sich Brunhilde Heyter. Es sind Worte für die Ewigkeit und nicht bloß Kurznachrichten für den Moment.

Von Mario Reymond

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