Interview mit BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken zum Auftritt in Friedewald

„Wir haben Glück gehabt“

Im Gespräch: HZ-Redakteur Jan-Christoph Eisenberg interviewt Wolfgang Niedecken. Foto: Hartmut Hoefer/HR1

Friedewald. Für ausgewählte Hörer des Radiosenders hr1 spielte BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken in der Wasserburg in Friedewald Songs aus seinem Soloalbum „Zosamme alt“. Vor dem Auftritt sprach der Kölsch-Rocker mit HZ-Redakteur Jan-Christoph Eisenberg über seine Musik, sein gesellschaftliches Engagement und verriet, warum die Stiftsruine die Band zu ihrer unplugged gespielten „BAP zieht den Stecker-Tour“ inspirierte.

Ihr Soloalbum, der zweite Teil Ihrer Biografie und im kommenden Frühjahr die „BAP zieht den Stecker-Tour“: Es scheint, als hätten Sie sich nach Ihrem Schlaganfall gleich wieder in die Arbeit gestürzt.

Wolfgang Niedecken: Meine Arbeit macht ja Spaß. Ich muss mich ja nicht aus dem dem Bett quälen, weil ich irgendwo ans Fließband muss. Ich lebe ja von meinem Hobby, das darf man nie vergessen. Wo ich mich nicht gerne mit beschäftige, ist das ganze Organisationstheater. Aber da habe ich jetzt das beste Argument der Welt: „Das kann ich nach dem Schlaganfall nicht mehr“. Das ist dann natürlich eine Lüge. Aber eine wunderbare Notlüge.

Haben Sie vor den Planungen zu ihrem Auftritt in der Wasserburg Friedewald schon mal etwas von diesem Ort gehört?

Niedecken: Nein. Aber ihr habt ja in Bad Hersfeld und Umgebung so einiges, was uns bisher verborgen geblieben ist. Zum Beispiel diese – wie heißt das – Schlossruine, wo wir vor drei Jahren gespielt haben.

Die Stiftsruine...

Niedecken: Der Auftritt dort hat die Idee zu der kommenden Tour geliefert. Wir haben nur zwei von diesen Auftritten gemacht. Einer war beim 3 Sat-Festival auf dem Lerchenberg. Und dann das Konzert im strömenden Regen in der Stiftsruine. Das war so großartig, dass wir seitdem immer gedacht haben, wir müssen das mal auf die Straße bringen. Bad Hersfeld ist uns sehr gut in Erinnerung und es wird auch mit denselben Gastmusikern stattfinden wie damals. Der Vorverkauf für die Hallen läuft sehr gut, es kann sein, dass wir noch ein paar Open-Airs dranhängen. Die Stiftsruine wäre da ein geeigneter Ort.

Für ihr Soloalbum haben Sie Songs aus den vergangenen 25 Jahren neu arrangiert. Haben Ihnen die Originale nicht mehr gefallen?

Niedecken: (lacht) Teilweise stimmt das schon. Ein Song ist ja eigentlich nur eine Melodie und ein Text. Es hängt dann davon ab, wie man ihn arrangiert. Es würde keinen richtigen Bogen ergeben, wenn man nur die Songs in den originalen BAP-Versionen hintereinander schneidet. „Rechts und links vom Bahndamm“ ist im Original ein Hardrock-Stück. Das ist mittlerweile bei einem leisen, feingliedrigen Blues angekommen. Das passt dann schon eher.

Das ganze Album ist ja eine Liebeserklärung an Ihre Frau. Wurde die nie misstrauisch, wenn von Lena, Maria oder Magdalena die Rede war?

Niedecken: Sie weiß ja, wer gemeint ist. Ein Song heißt sogar „Magdalena (weil Maria hatt ich schon)“. Es wäre wahrscheinlich langweilig, wenn ich sämtliche Frauen in meinen Liedern Tina genannt hätte.

Beim Stichwort BAP kommt vielen „Verdamp lang her“ in den Sinn. Ist dieser Hit eher Fluch oder Segen für Sie?

Niedecken: Für uns ist es eher ein Segen. Die Fluch-Anteile sind gering, aber nicht zu vernachlässigen. Je länger dieses Stück zurückliegt, desto mehr wird man darauf reduziert. Vor sieben Jahren haben wir anlässlich des 30sten Bandjubiläums unser „Dreimal zehn Jahre“-Album“ herausgebracht. Da hatten wir Mühe, uns auf 30 Songs zu beschränken, die alle Hits waren. Ansonsten ist es aber gottseidank ein gutes Stück. Es wäre schlimm, wenn es ein schlechtes Stück wäre, denn ein BAP-Konzert ohne „Verdamp lang her“ ginge irgendwie nicht.

Wenn ein Beteiligter eine Solokarriere startet, bedeutet das oft das Aus für die Band. Was haben Sie anders gemacht?

Niedecken: Bei meinem ersten Soloalbum vor 25 Jahren war das Geschrei groß. Ich konnte das damals schon nicht verstehen. Wir haben mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass uns diese Soloalben auch als BAP weiterbringen und wir werden auch aus diesem Album wieder für die Band etwas lernen. Ich hätte es niemals übers Herz gebracht, dem Schlagzeuger zu sagen, dass er auf dem Album nicht gebraucht wird. Nach drei Tagen wäre ich weich geworden. Aber letztendlich geht es bei einem Solo-Album um das Beste für den Song, manchmal auch, indem man mal ein Instrument weglässt.

Sie singen in Kölner Mundart, ihre Bekanntheit reicht weit über diesen Sprachraum hinaus. Wie erklären Sie sich das?

Niedecken: Wir haben Glück gehabt. Wir haben etwas Neues gemacht. Und wir haben uns vor allem nie mit dem Kölner Karneval eingelassen. Nach uns haben etliche Bands versucht, mit Kölsch-Rock überregional Erfolg zu haben. Gelungen ist es keinem. Am ehesten noch Brings. Und selbst die konnten die Frage irgendwann nicht mehr hören: „Ihr rockt auf Kölsch – so wie BAP?“

Würden Ihre Songs auch in Friedewälder Mundart funktionieren?

Niedecken: Ich nehme es an. Dialekte sind Sprachen, die aus der Seele kommen. Leider werden sie im Alltag kaum noch gesprochen. In 30 Jahren werden die Dialekte wohl nicht mehr vorhanden sein. Dann spricht man von Flensburg bis Rosenheim die gleiche Sprache.

Für Ihr gesellschaftliches Engagement sind Sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Macht Sie das stolz?

Niedecken: Ich weiß gar nicht, ob ich in solchen Kategorien denke. Diese Auszeichnung hilft mir, mein Netzwerk größer zu machen. Das hat mir Aufmerksamkeit gebracht und mittlerweile gewinne ich Sponsoren für meine Initiative“Rebound“ zur Reintegration von Kindersoldaten. Die kommen mittlerweile fast von selbst. Stolz kann man nur auf etwas sein, bei dem man zum Gelingen beigetragen hat. Ich kann nicht stolz sein, ein Deutscher zu sein. Dazu habe ich nichts beigetragen. An „Rebound“ habe ich meinen Anteil, und von mir aus kann ich dann auch ein bisschen stolz auf das Bundesverdienstkreuz sein.

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