Montagsinterview: Gewerkschaftssekretär Bernd Stahl zum Tag der Arbeit

Weichen rechtzeitig stellen

Tradition: Gewerkschafter Bernd Stahl mit einer Bergmannsfigur.

Hersfeld-Rotenburg. Über den Bedeutung des 1. Mai, die Zukunft der heimischen Kali-Industrie und den Stellenwert von Zeitarbeit sprachen wir mit IGBCE-Gewerkschaftssekretär Bernd Stahl.

Herr Stahl, hat der rituelle 1. Mai nicht eigentlich längst ausgedient?

Bernd Stahl: Eigentlich war und ist der 1. Mai ein Symbol der Arbeiterbewegung. Er hat sich aber wohl als Kampftag überlebt. Das liegt sicher an der erfolgreichen Gewerkschaftsarbeit. Die Beschäftigten haben heute viele Sicherheiten. Ich sage nur Kündigungsschutz und Altersversorgung. Warum sollten Arbeitnehmer also am 1. Mai noch auf die Straße gehen? Es wird doch alles für sie getan. Das ist eben der Zeitgeist.

Wie locken die Gewerkschaften am 1. Mai die Leute noch hinter dem Ofen hervor?

Stahl: Wir müssen andere Wege gehen. Wir haben in Heringen am 1. Mai mal einen Volkslauf veranstaltet und T-Shirts verteilt. Das hat funktioniert. Es wird aber immer schwieriger.

Sie sind ja nun als Verhandlungsführer mit am Tisch, wenn es um Tarifabschlüsse bei K+S geht. Sind Sie mit dem jüngsten Abschluss zufrieden?

Stahl: Ja, natürlich. Unter den aktuellen Voraussetzungen sind 3,8 Prozent mehr plus 600 Euro Einmalzahlung ein gutes Ergebnis. Ich danke allen, die an diesem Abschluss mitgewirkt haben.

Wie sieht denn die Mitgliederentwicklung der IGBCE in der Region aus?

Stahl: Sehr positiv. Wir haben seit 2010 wieder mehr Zugänge als Abgänge. Gerade bei den Auszubildenden haben wir im Bezirk Kassel eine Quote von 70 Prozent. Bei K+S sind es 100 Prozent.

Apropos K+S. Welche Linie vertritt denn die IGBCE in Sachen Kaliabbau und Werraversalzung?

Stahl: Da stehen natürlich die Arbeitsplätze an oberster Stelle, da sie die ökonomische Grundlage für die Region sind. Wir haben aber auch immer die Ökologie im Auge und wirken auf das Unternehmen ein. Es darf aber durch die Überfrachtung des Umweltschutzes nicht passieren, Arbeitsplätze zu gefährden. Diese Gefahr sehe ich. Und der Druck wird stetig größer.

So fordert der Naturschutzbund das Regierungspräsidium auf, dem Unternehmen K+S nur bis 2015 die Laugeneinleitung in die Werra zu erlauben. Ist das realistisch?

Stahl: Nein. Man kann doch gewisse Unternehmensentwicklungen nicht absehen. Es können immer wieder neue Gegebenheiten auftreten. Durch gewisse übertriebene Forderungen kann die gesamte Produktion gefährdet werden. Ich weiß wovon ich rede. Ich komme von der Ruhr und habe dort das Zechen-Sterben im Kohlebergbau miterlebt.

Wann ist das natürliche Ende des Kalibergbaus in der Werraregion erreicht?

Stahl: Wenn es zu einem gleichmäßigen Abbau kommt, wird es noch 40 bis 50 Jahre weitergehen. Wer also jetzt seine Ausbildung bei K+S beginnt, hat gute Chancen, im Unternehmen die Rente zu erreichen.

Und dann verkommen wir zur Zeitarbeiter-Region?

Stahl: Nein. Wir müssen aber rechtzeitig über Veränderungen nachdenken. Was nach K+S kommt, ist schwer voraussehbar. Es weiß ja auch niemand, welche technischen Möglichkeiten wir in 50 Jahren haben und was dann eigentlich von uns gefordert ist. Ich bin gerade in Mecklenburg-Vorpommern. Dort haben sie die Landkreise vergrößert. Im Landkreis Rostock leben noch 70 000 Menschen. Und dazu gehört auch noch Güstrow, das 70 Kilometer von Rostock entfernt liegt. Auch den demografischen Wandel dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.

Die IGBCE hat aber bereits mit dem Zeitarbeitsunternehmen Technicum einen Verein Weiterbildungsfonds gegründet, dessen Vorsitzender Sie sind. Zeitarbeit scheint also für die Gewerkschaften doch die Zukunft zu sein?

Stahl: Nicht die Zukunft. Der Bereich Zeitarbeit ist aber vernachlässigt worden. Dieser neue Fonds ist offen für alle Zeitarbeitsunternehmen. Wir wollen in diesem Bereich die Verstetigung durchbrechen. Auch Zeitarbeiter haben ein Recht auf Weiterbildung und danach vielleicht die Chance auf eine Festanstellung. Denn nur wer seinen eigenen Marktwert steigern kann, macht sich für Betriebe interessant und kann womöglich aus der Zeitarbeit ausbrechen.

Von Mario Reymond

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