Die 19-jährige Linda Bücking aus Schenklengsfeld erlebt die US-Wahl in New York

Vereint im Obama-Jubel

Dem Sturm getrotzt: Hurrikan-Sandy hat in der New Yorker Nachbarschaft von Linda Bücking gewütet.

New York/Schenklengsfeld. Linda Bücking hatte keine Wahl: Weil sie die Entscheidung im Rennen um die US-Präsidentschaft verfolgen wollte, musste sie die Nacht bei Freunden verbringen. Denn das Haus ihrer Gasteltern in einem Vorort von New York hat nach Hurrikan Sandy seit Tagen keinen Strom mehr. „Ich pendele zurzeit zwischen den Häusern“, erzählt Linda am Telefon. In ihrer Nachbarschaft sei es nach Obamas Wahlsieg erstaunlich ruhig geblieben. Dort gab es keine spontanen Partys.

Dabei war der Wahlkampf seit Wochen allgegenwärtig. Viele Nachbarn hatten Wahlplakate und Aufsteller neben USA-Flaggen im Vorgarten aufgestellt. Die politische Präferenz ist so klar erkennbar. „Vom Grundsatz des Wahlgeheimnisses ist hier wenig zu erkennen, die meisten Menschen sind stolz, sich zu bekennen, welchen Kandidaten sie unterstützen.“ So sei es auch nicht ungewöhnlich, sein Wohnzimmer mit einem Bild der Familie Obama zu schmücken.

Auch Linda hat in den vergangenen Wochen viel Zeit im Wohnzimmer ihrer Gastfamilie – einem Verlagsmanager und einer New-York-Times-Redakteurin – verbracht und dort die Fernseh-Debatten der beiden Kandidaten verfolgt.

„Vor dem heimischen Fernsehgerät wurde gejubelt oder geächzt wie beim Fußballschauen, je nachdem, wie sich der favorisierte Kandidat schlägt“, erzählt Linda. „Alles, was mit Barack Obama oder Mitt Romney zu tun hat, wird extrem personalisiert und emotionalisiert, sodass man den Eindruck bekommt, dass der politische Inhalt eher zweitrangig ist.“

Sie selbst kenne nach den Fernsehdebatten inzwischen alle mehr oder weniger weit entfernt verwandten Familienmitglieder der einzelnen Kandidaten sowie der Vizekandidaten. Ein weiteres wichtiges Element im US- Wahlkampf sei das Geld, hat Linda beobachtet. „In den letzten Wochen habe ich fast täglich Anrufe erhalten, in denen ich dazu aufgefordert wurde, Geld für eine Partei oder einen Kandidaten zu spenden.“

Aber es gehe nicht nur um Geld und Show. „Viele Amerikaner sind sehr besorgt, was mit ihnen und ihrem Land in Zukunft geschieht.“ Nach dem Hurrikan sei von Normalität noch keine Spur.

Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Down-Town-New-York dauere bis zu drei Stunden. „Man weiß nie, was der nächste Tag bringen wird.“ Deshalb sei die Nervosität vor der Wahl deutlich spürbar gewesen. Aber die Menschen helfen einander. „Man wächst jetzt noch mehr zusammen.“

Und so war Lindas neue Nachbarschaft, die vornehmlich von Anhängern der Demokraten bewohnt wird, am Tag nach der Wahl auch vereint im Jubel für Obama. „Hier freuen sich alle sehr, dass Obama auch in den nächsten vier Jahren unser Präsident sein wird“, berichtet Linda und klingt dabei selbst schon fast wie eine Amerikanerin.

Von Kai A. Struthoff

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