250 Dinge, die wir an der Region mögen (231): Das Kalkniedermoor bei Motzfeld

Unbekanntes Natur-Kleinod

Das Kalkniedermoor bei Motzfeld. Vorne das feuchte Niedermoor, im Hintergrund der aus der Fläche emporgewachsene Kalktuffhügel. Fotos: Jäger

Motzfeld. Viele kennen die zauberhaften, weiß strahlenden Kalksteinterrassen von Pamukkale (Türkei) von Fotos oder sogar aus eigener Anschauung. Sie entstanden und entstehen noch durch die Abscheidung von Kalk aus extrem kalkhaltigem Wasser.

Aber fast niemand weiß, dass es ein ähnlich entstandenes Naturgebilde, wenn auch auf den ersten Blick weit weniger spektakulär, in unserer heimischen Landschaft gibt. Zwischen Motzfeld und Hilmes erhebt sich an einem Unterhang des Landeckerberges, umgeben von sumpfigem Gelände, ein etwa drei Meter hoher Hügel aus der Wiesenlandschaft. Der Hügel ist aus dem abgeschiedenen Kalktuff entstanden, den eine Quelle mit Härtegrad 45 vom Muschelkalk des Landeckers mitgebracht und abgelagert hat. Gleichzeitig hat das Wasser auch das umgebende Niedermoor geschaffen.

Solche Kalkquellmoore waren im vergangenen Jahrhundert noch häufiger zu finden. Aus manchen wurde sogar der poröse Kalkstein abgebaut, um damit Fachwerke auszumauern. Andere sind drainiert, trockengelegt und unter den Pflug genommen worden. Auch dem Niedermoor bei Motzfeld drohte einst das gleiche Schicksal. Eine grabenförmige Vertiefung und mehrere Drainagenstränge erinnern noch an diese Versuche. Das Moor widersetzte sich jedoch erfolgreich allen Versuchen, es trockenzulegen und ist somit das letzte Exemplar seiner Art zwischen Rhön und Meißner.

Während normale Moore in saurem Milieu wachsen, ist der feucht-basische Untergrund des Kalkniedermoors die Lebensgrundlage für absolute Spezialisten unter den Pflanzen. Die entstandene Pflanzengesellschaft, die botanisch als Davallseggenried bezeichnet wird und einen Teil des Niedermoores bedeckt, ist besonders selten und wertvoll, was von begeisterten Berufsbotanikern in einigen Gutachten bestätigt wurde. Auf der vergleichsweise winzigen Fläche finden sich sage und schreibe 23 Pflanzenarten, die auf der Roten Liste stehen, also vom Aussterben bedroht sind.

Dazu zählen beispielsweise das zarte Sumpfherzblatt, das Breitblättrige Knabenkraut, die Sumpf-Stendelwurz und außerdem die namensgebende Davallsegge, seltene Braunmoose, der kleine Baldrian, der blau kugelige Teufelsabbiss, der Sumpfdreizack und viele andere. Trotz seiner geringen Größe von nur 520 Quadratmetern ist das Kleinseggenried bei Motzfeld eines der größten dieser sehr seltenen Lebensräume in Hessen, die insgesamt nur die Fläche eines kleinen Fußballfeldes erreichen.

Daher ist das Gebiet auch in die FFH-Schutzgebiete aufgenommen worden. FFH-Gebiete sind spezielle europäische Schutzgebiete in Natur- und Landschaftsschutz, die nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ausgewiesen wurden und dem Schutz von Pflanzen (Flora), Tieren (Fauna) und Habitaten (Lebensraumtypen) dienen.

Leider haben die Gutachter festgestellt, dass sich der Zustand des Kalkniedermoors im letzten Jahrzehnt verschlechtert hat, so dass dringend Maßnahmen durchzuführen sind, um mehr Wasser im Moor zurückzuhalten und den einzigartigen Pflanzenbestand dieses botanischen Juwels zu retten.

Von Herbert JÄger

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