Montagsinterview mit Werner Henkel über hessische und bayerische Folklore

Die Tracht ist kein Kostüm

+
So kennt man ihn: Werner Henkel beim Auftritt in Landecker Tracht.  

Hersfeld-Rotenburg. Dirndl und Lederhose haben derzeit Hochkonjunktur – nicht nur jenseits des Weißwurst-Äquators. Auch bei uns gibt es zahlreiche Oktoberfeste nach bayerischem Vorbild. Die heimischen Trachten führen dagegen eher ein Schattendasein. Wir sprachen darüber mit dem Ehrengruppenleiter der Volkstanz- und Trachtengruppe Schenklengsfeld, Werner Henkel.

Lederhose und Dirndl sind auch bei jungen Leuten in unserer Region sehr beliebt. In Landecker Tracht geht hingegen kaum jemand aus. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Werner Henkel: Unsere Trachten existieren ja nur noch in den Volkstanzgruppen. Aktive Trachtenträgerinnen und Trachtenträger gibt es schon lange nicht mehr. Außerdem wäre die Landecker Tracht für ein Oktoberfest wenig geeignet. Solche Veranstaltungen haben mit der ursprünglichen bayerischen Folklore auch nicht viel zu tun. Dieses aufgesetzte bayerische Bild ist von der Modeindustrie vorangetrieben worden und kommt daher auch bei uns an.

Gehen die Bayern selbstbewusster mit ihren Traditionen um als wir?

Henkel: Das würde ich nicht unbedingt sagen. Bei uns sind die Trachten wohl aus dem Blickfeld geraten, weil sie schon sehr früh nicht mehr getragen wurden. In den späten 1980er- Jahren sind die letzten Trachtenträgerinnen gestorben. Viele gleichaltrige Frauen haben die Tracht schon in den 1920er- oder 1930er-Jahren abgelegt, als sie in den Städten in Haushalten „in Stellung“ gingen.

Wann sind die Trachten eigentlich entstanden?

Henkel: Die Trachten haben ihren Ursprung in der Kleiderordnung der Stände. Von der Obrigkeit sind bestimmte Vorschriften erlassen worden, was man als Bauer, Höhergestellter oder im sozial niedrigen Stand tragen durfte. Das war in etwa Anfang des 19. Jahrhunderts. Das belegen auch Abbildungen auf Grabsteinen, etwa auf dem historischen Friedhof in Schenklengsfeld.

Wer hat festgelegt, wie die Tracht im Aulatal oder Landecker Amt auszusehen hat?

Henkel: Diese einheitliche Wahrnehmung ist auch nachträglich entstanden, weil die heutigen Trachtengruppen sich diese Form gewählt haben. In anderen Ländern ist das nicht so. Die Trachten waren durchaus modeabhängig und haben sich mit der städtischen Mode verändert. Die Rocklänge ist beispielsweise bei den Frauen im Landecker Amt lang geblieben. In der Schwalm gab es die kürzeren Röcke, die sicherlich irgendwann Einzug gehalten haben.

Gibt es überhaupt eine „typische“ Tracht für den Landkreis oder unterschied sich die Kleidung von Dorf zu Dorf?

Henkel: Das Landecker Amt – also etwa 20 Orte um Schenklengsfeld herum – war beispielsweise ein ziemlich geschlossenes Trachtengebiet. Das lässt sich aber heute nur noch für die Frauentracht belegen. Die Männertracht ist schon im 19. Jahrhundert abgelegt worden – wohl weil die Männer unter anderem durch den Militärdienst weiter herumkamen als die Frauen.

Unsere Lebens- und Arbeitswelt hat sich stark gewandelt – warum also überhaupt heute noch Tracht tragen?

Henkel: Wir als Trachtengruppen wollen diese Art der Kleidung auf dem Stand der 1920er-Jahre für die Nachwelt erhalten. An den Anfragen für Auftritte zeigt sich, dass durchaus ein Bedarf da ist. Inwieweit das authentisch ist, sei dahingestellt. Viele Trachten sind aber noch Originalteile. Ich möchte die Tracht auch nicht als Kostüm bezeichnen. Wir tragen sie nicht, um in eine andere Rolle zu schlüpfen. Das ging mir anfangs noch so. Heute ist es für mich eine Kleidung wie jede andere. Es macht mir zum Beispiel nichts aus, nach einem Auftritt in Bad Hersfeld in Tracht einkaufen zu gehen.

Im Rotkäppchenland wurde die Schwälmer Tracht für die Tourismus-Werbung wiederentdeckt. Ein Beitrag zum Erhalt oder – wie Kritiker bemängeln – historische Ungenauigkeit?

Henkel: In der Schwalm ist diese Tracht ja aktiv noch lange getragen worden – sicherlich nicht in allen Orten, die heute damit werben. Sie jetzt für Tourismuszwecke zu benutzen – warum nicht. Ich sehe keine Schwierigkeiten darin. Trachten als Aushängeschild sind übrigens nicht neu. Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie schon in Schenklengsfeld auf einer Ansichtskarte gezeigt.

Steht der osthessischen Folklore eine ähnliche Renaissance bevor, wie sie derzeit die bayerische erlebt – gehen wir in ein paar Jahren vielleicht sogar alle in Tracht aufs Lullusfest?

Henkel: (lacht) Das ist eine interessante Frage. Im Moment sehe ich das nicht. Das Interesse ist eher gering. Speziell bei uns in Schenklengsfeld besteht die Gruppe aus älteren Jahrgängen. Nur wenige von den Jüngeren, die nachträglich dazukamen, sind dabeigeblieben. Selbst wenn die Trachtengruppen irgendwann aufgeben sollten, ist der gesammelte Fundus nicht zwangsläufig verloren. Durchaus denkbar, dass irgendwann jemand auf die Idee kommt, das wiederzubeleben.

Kommentare