250 Dinge, die wir an der Region mögen (181): Der Strohhäischer

Spottname in Bronze

Einst Spottname, jetzt Wahrzeichen: Der in Bronze gegossene Strohhäischer in Schenklengsfeld. Foto: Honickel

Schenklengsfeld. Die Bad Hersfelder haben ihre Mückenstürmer, die Friedewälder ihre Schneegänse und die Kathuser ihre Wilddiebe. Auch die Schenklengsfelder müssen sich seit Jahrhunderten einen Spott- oder Annamen gefallen lassen, nämlich Strohhäischer. Und das kam so:

In der Landgrafschaft Hessen-Kassel mussten die hörigen Bauern ihrer Herrschaft nicht nur den Zehnten und sonstige Pflichtabgaben leisten, sondern auch noch bei Bedarf Hand- und Spanndienste und zusätzliche „außerordentliche Dienste“ verrichten. Ein besonderer Dienst der Bauern in den Dörfern des Amtes Landeck bestand darin, jedes Jahr Stroh und Heu für die Pferde der Forstbeamten bei deren Forstinspektion nach Schenklengsfeld zu liefern. Und natürlich wurden die Schenklengsfelder, die mit dem Einsammeln von Stroh und Heu ja nur ihre Pflicht erfüllten, von den Bewohnern der umliegenden Dörfer als Strohhäischer verspottet und ausgelacht.

Lieferungen rechtens?

So war es der Schultheiß von Ransbach, der nach der beginnenden Bauernbefreiung in Kurhessen sich 1828 gegen diese Abgabe wehrte, indem er beim Kreisrat Hartert in Hersfeld nachfragte, ob es denn für eine solche Fourage-Lieferung eine gesetzliche Vorschrift gäbe. Der Kreisrat kannte eine diesbezügliche Vorschrift nicht und erkundigte sich deshalb schriftlich beim Bürgermeister Etner im Amtsort Schenklengsfeld. Dieser erklärte in seinem Antwortschreiben, dass die Stroh- und Heulieferungen seit „undenklichen Zeiten“ von den Gemeinden geleistet würden und schriftliche Unterlagen weder bei ihm noch im hiesigen Forstamt zu finden seien. Nachdem Kreisrat Hartert der Provinzregierung in Fulda den Sachverhalt geschildert hatte, erging im Juni 1829 der Beschluss der Finanzkammer in Kassel, dass wegen fehlender gesetzlicher Begründung die Stroh- und Heuabgabe im Amt Landeck nicht mehr an die Forstbeamten zu leisten sei. Die Stroh- und Heufuhren nach Schenklengsfeld wurden also 1829 eingestellt, der Spott- oder Spitzname Strohhäischer ist allerdings bis auf den heutigen Tag geblieben. Auf Anregung des Heimatvereins Landeck 1953 und mit finanzieller Unterstützung von Gemeinde, Werbegemeinschaft, den örtlichen Vereinen und vielen privaten Spendern wurde im Mai 2001 der in Bronze gegossene Strohhäischer – nach einem Entwurf von Bildhauer Herbert Holzheimer in Langenleiten/Rhön – gegenüber dem Rathaus in Schenklengsfeld aufgestellt . Den Bewohnern der umliegenden Dörfer, die diesen Spitznamen gerne für die Laenschelder verwenden, sollte dabei bewusst sein, dass sie selbst einen eigenen, oftmals auch nicht sehr schmeichelhaften Spottnamen besitzen. Doch wie lautet eine alte Volksweisheit: Was sich neckt, das …

Von Karl Honickel

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