Heringer Stadtparlament gewohnt unversöhnlich

Schlagabtausch statt Fußballfest

Heringen. Selbst der Fußball-Gott ist in Heringen offenbar machtlos. Den obwohl der WM-Auftakt kurz bevorstand und vor der Mehrzweckhalle in Widderhausen schon Bier und Bänke zum Public-Viewing bereitstanden, wollten sich keine „elf Freunde“ finden. Stattdessen droschen Abgeordnete und Bürgermeister mit unverminderter Härte aufeinander ein, während die politischen Beobachter auf den erlösenden Abpfiff warteten.

Dabei war die Tagesordnung schon um vier Punkte gekürzt worden, nachdem der Magistrat unlängst den Haushalt gekippt hatte (wir berichteten). Trotzdem beherrschte das Zahlenwerk alle Reden. Die meiste Laufarbeit leistete an diesem Abend wie meist Bürgermeister Hans Ries, der unermüdlich zwischen seinem Platz und dem Rednerpult unterwegs war, und zu jedem Redebeitrag seine Sicht der Dinge darlegte.

Dabei ging es um die bekannten Streitpunkte wie die Integration des Schwimmbades in die Stadtwerke, die von Bürgermeister Ries geforderte Erhöhung der Gewerbesteuer und eine drohende Handlungsunfähigkeit der Gemeinde, weil kein gültiger Haushalt vorliegt.

Lob für Kämmerer

Hans Ries verteidigte seinen Haushaltsentwurf und lobte seine Kämmerer als absolute Spitzenkräfte. Gleichzeitig geißelte er seine Kritiker im Parlament und warf ihnen vor, mit allen Anfechtungen und Gerichtsverfahren bislang gescheitert zu sein. „Ihnen geht es nicht um die Interessen der Stadt, sondern um die Befriedigung ihres Egos“, warf er den Parlamentariern vor. „Sie wollen mich treffen, aber fallen dabei selbst um – und die Bürger müssen für ihre Eskapaden zahlen“.

Derart gereizt, feuerten die Stadtverordenten aus vollen Rohren zurück. Hans-Jürgen Fischer (SPD), der Mann mit der Pinocchio-Puppe, bezeichnete Ries als das „personifizierte Unheil von Heringen“. Eckhart Bock (CDU) erklärte, Ries werfe Nebelkerzen und halte das Parlament für „geistig minderbemittelt“, während Thomas Mötzing (WGH) sagte, „als Ehrenamtlicher hat man hier langsam die Schnauze voll“.

„In Hessen einmalig“

Nach diesem verbalen Schlagabtausch, der auf dem Fußballplatz wohl mehrere Platzverweise zur Folge gehabt hätte, lehnte das Parlament mit 16 zu 6 Stimmen den Widerspruch des Bürgermeisters zum Konsolidierungsvorschlag zum Haushaltskonsolidierungsgesetz von CDU, SPD und UL ab. Dem Widerspruch des Bürgermeisters zum Bebauungsplan „Im Ried“ wurde stattgegeben, aber nur, um so eine Chance auf einen neuen Antrag zu haben. Die UL will darin deutlich machen, dass die Einkaufsmärkte im „Ried“ sehr wohl eine Chance auf Entwicklung haben sollen.

„Was sich hier im Stadtparlament abspielt, dürfte in Hessen einmalig sein“, sagte ein sichtlich erschöpfter Bürgermeister Ries zum Schluss der Sitzung, der mit dem Anpfiff in Sao Paulo zusammenfiel. Zumindest in diesem Punkt, wollte dem Bürgermeister niemand widersprechen.

Von Kai A. Struthoff

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