Sind Märchen der Gebrüder Grimm französischen Ursprungs?

Ein Mädel hörte zu

Im ehemaligen herrschaftlichen Pfarrgarten von Hilmes gibt es einer Hainbuchenlaube, in deren Mitte ein Steintisch mit der Jahreszahl 1672 steht. Die Anlage zeigt noch Spuren eines Barockgartens. Hier in der Hainbuchenlaube könnte Pfarrer Adam Mannel seiner kleinen Tochter Friederike die Märchen aus der französischen Kolonie Gethsemane erzählt haben, die sie dann später den Grimms mitgeteilt hat. Foto: roda

Hilmes. In diesem Jahr wurde von den Medien an die Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm vor 200 Jahren erinnert. Dabei sind vor allem die aktuellen Forschungen über die Herkunft und der literarische Aufarbeitung der von den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm gesammelten Märchen- und Sagentexte ausführlich dargelegt worden.

Lange Zeit sind die Märchen der Brüder Grimm für deutsche oder gar hessische Volkserzählungen gehalten worden. Es war nämlich seinerzeit wenig bekannt, wer den Brüdern Grimm in Kassel die Märchentexte erzählt oder zugetragen hat, die von den beiden aufgeschrieben, bearbeitet und veröffentlicht wurden.

Intensive Forschung

Erst die nach dem 2. Weltkrieg intensivere Märchen-Forschung konnte die wahren Quellen der Grimm’schen Märchen ermitteln, indem man herausfand, dass die meisten Texte von Zuträgern stammten, die hugenottische, das heißt französische Vorfahren hatten. Ein Vergleich mit französischen Erzählungen zeigte schließlich, dass ein nicht geringer Teil der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen mit den hugenottischen Glaubensflüchtlingen im 17. und 18. Jahrhundert in unser Land gekommen ist.

Wie der bekannte Grimm-Forscher Prof. Heinz Rölleke schreibt, hatte man auch lange Zeit angenommen, dass die in Allendorf bei Treysa im Pfarrhaus aufgewachsene Friederike Mannel den Brüdern Grimm echte hessische Märchen aus der Schwalmgegend mündlich und schriftlich zugeliefert hat. Ihr Vater, Pfarrer Adam Mannel, habe die Märchen von seinen Schulkindern gehört und sie der kleinen Friederike erzählt. Inzwischen stellt sich die Herkunft dieser Märchen jedoch anders dar.

In den Kirchenbüchern des Kirchspiels Hilmes hatten wir gelesen, dass (Johann) Adam Mannel, der übrigens 1758 im nahen Wehrshausen geboren wurde, während seines Pfarramtes in Hilmes von 1781 bis 1788 auch die hugenottischen Gläubigen in Gethsemane zu betreuen hatte. Von Pfarrer Adam Mannel und seiner Tochter Friederike ist bekannt, dass sie die französische Sprache fast perfekt beherrschten. Die hugenottischen Protestanten wurden seit 1685 aus Frankreich vertrieben und fanden vornehmlich bei den evangelischen Landesherren in Deutschland Zuflucht.

Auch der hessische Landgraf in Kassel hatte Hugenotten aufgenommen und sie in seinem Land angesiedelt, unter anderem ab 1700 in der verlassenen Ortschaft Götzmanns (Gethsemane).

Über mehrere Generationen wurde in Gethsemane französisch gesprochen, also auch gepredigt und unterrichtet. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass Pfarrer Mannel hier von den Einwohnern und Schulkindern in Gethsemane die französischen Märchen gehört und sie der 1783 geborenen Friederike später erzählt hat. Im Januar dieses Jahres hatten wir Prof. Rölleke über diese Zusammenhänge brieflich in Kenntnis gesetzt und von ihm die Antwort erhalten, dass diese Verbindung der Mannels zum hugenottischen Gethsemane bislang nicht bekannt gewesen sei und die Märchen der Friederike deshalb auch einen französischen Ursprung haben könnten.

So ist auch unser Landecker Amt durch Friederike Mannel aus Hilmes mit den Märchen der Brüder Grimm verbunden. Zur Erinnerung an diese nicht unbedeutende Märchenzuträgerin der Brüder Grimm wäre es angebracht, im Schenklengsfelder Ortsteil Hilmes einen Weg, eine Straße oder einen Platz nach Friederike Mannel zu benennen.

 hintergrund

Von Liesel und Karl Honikel

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