Erste Pilgerwanderung auf den Spuren Martin Luthers von Bodesruh nach Friedewald

Auf dem Weg des Lebens

Auf den Esel gekommen: Eros vom Hof Heinig in Hillartshausen führte die Pilgergruppe auf den letzten Kilometern an und brachte alle Wanderer sicher ans Ziel in Friedewald. Fotos: Struthoff

Friedewald. Vielleicht lagerte Luther im Jahre 1521 auch unter der Hammundeseiche. Der knorrige Baum zählte ja damals schon 500 Jahre. Vielleicht erquickte sich der Reformator auch am kühlen Wasser des Brunnens der nahen Wüstung. Möglicherweise haderte er ja auch mit seinem Gott. „Herr, ich bin ein fauler Esel, darum komme ich, dass du mir hilfst und mein Herz entzündest“, soll er einst gesagt haben.

Luther mochte das Pilgern nicht. Die 80 Menschen indes, die an diesem kühlen Samstagmorgen dem mit Efeu und Sonnenblumen umkränzten Holzkreuz über stille Waldwege folgen, sind längst entflammt. Sie brennen gleichsam für die Idee, einen Pilgerweg auf den Spuren des großen Reformators zwischen Worms und der Wartburg anzulegen. Für sie sind es jetzt die ersten Schritte auf einem langen Weg. Am Parkplatz Bodesruh hatte der Pilgerzug seinen Lauf genommen.

Pilgerpfarrer Manfred Gerland, wie die meisten in Fleecepullover und Trekkinghose gekleidet, lässt die Wandergesellschaft zum Auftakt singen. „Pilger sind wir Menschen, suchen Gottes Wort, unerfüllte Sehnsucht treibt uns fort und fort.“ Das wärmt die Herzen.

Der erste Anstieg des Tages lässt dann auch bald den Schweiß perlen. Sonnenstrahlen ringen mit dunklen Wolken, die ersten Blätter glühen im herbstlichen Glanz. Vögel zwitschern in den Zweigen.

Evangelium im Freien

„Das Evangelium findet draußen statt, wir sollten es nicht wegsperren hinter Kirchenmauern“, sagt Pfarrer Gerland. Für Luther war das ganze Leben eine irdische Pilgerschaft auf der Suche nach dem „summum bonum“, dem höchsten Gut – der Liebe. Immer wieder füttert der Pilgerpfarrer die Wandergruppe mit derart schwerer geistiger Kost. Dann lässt er sie schweigend weitergehen, um all das zu verdauen. Still stapft die Gruppe dahin, horcht in sich hinein. Jetzt wandern auch die Gedanken, der Knoten im Kopf löst sich langsam.

Immer wieder hält der Pilgerzug inne, singt und betet – auch für jene in Syrien, in Afghanistan, für Kranke und Beladene. Zur Mittagszeit erreicht der Zug die Wüstung Hammundeseiche. Schon vor fast 1000 Jahren lebten hier Menschen. Ein steinernes Rund erinnert an ihre alte Kirche. Butterbrote und Würste werden ausgepackt. Pilgern macht hungrig.

Dann stößt ein weiterer Weggefährte zu der Gruppe. Eros, ein alter Esel vom Hof Heinig in Hillartshausen, geht ab sofort voran. Sein Name und seine Vergangenheit als Deckhengst passen freilich nicht ganz zu der frommen Gruppe. Aber anders als Luther es von sich selbst gesagt haben soll, ist Eros gar nicht faul. Immer wieder rupft er grünes Gras vom Wegesrand und tanzt störrisch aus der Reihe. Doch unbeirrt führt er den Pilgerzug über die letzten Kilometer des Weges nach Friedewald.

„Es ist schön, wenn der Pilger weiß, dass er erwartet wird“, sagt Pfarrer Gerland bei der abschließenden Andacht in der kleinen Kirche. Denn in Friedewald warten die Gemeindemitglieder mit Kaffee, Kuchen und Bratwurst auf die müden Wanderer. Der Weg des Lebens hat sie wieder wohlbehalten ans Ziel geführt.

Von Kai A. Struthoff

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