30-jähriger Angeklagter widerruft alle seine Aussagen – Grund: Er sei bedroht worden

Komplette Kehrtwende

Eisenach. Es geht um sehr viel Geld in dem Prozess am Schöffengericht in Eisenach – auf etwa 100 000 Euro dürften sich Wert der Beute und Sachschäden schätzungsweise belaufen. Es geht um gestohlene Autos, manche später ausgebrannt, um teure Werkzeuge und Maschinen, um große Mengen Material und um Bargeld. Insgesamt 15 Einbruchsdiebstähle im April und Mai diese Jahres legt die Staatsanwaltschaft Meiningen zwei Männern zur Last – einem 30-Jährigen aus Vacha und einem 37-Jährigen aus Philippsthal, die sich im Gefängnis kennengelernt haben und seither befreundet sein sollen (wir berichteten).

In Thüringen stehen die Poststelle in Vacha, der Bauhof in Behringen, eine Firma in Gerstungen, die Agrargenossenschaft und eine Schule in Berka/Werra auf der Liste der Anklage; in Hessen ein Vereinsheim in Mansbach, ein Sportzentrum in Friedewald, der Bauhof in Heringen, das Kieswerk in Wabern, ein Dienstleistungsgebäude in Hauneck-Eitra und eine Autovermietung in Bad Hersfeld. Der 30-Jährige wurde beim Versuch gestellt, in Immelborn im Wartburgkreis in ein Autohaus einzubrechen; DNA-Spuren des mutmaßlich geflüchteten 37-Jährigen waren auf Teilen der in Vacha gefundenen Beute.

Geständnis angekündigt

Bereits am ersten Verhandlungstag in der vergangenen Woche hatte der 30-Jährige angekündigt, zu gestehen. Und alle Schuld auf sich zu nehmen. „Ja“, sagt er jetzt, „ich räume alles ein“. Es tue ihm leid, dass er den Freund „mit reinziehen“ müsse – der 37-Jährige habe ihn zwar begleitet, sei aber „definitiv nie“ an den Einbrüchen beteiligt gewesen. Er habe also, fragt der Vorsitzende Richter, bei der Polizei eine komplette Falschaussage gemacht? „Ja“, sagt der 30-Jährige. Und bestätigt, Fall für Fall und fast stoisch, dass er „alles alleine gemacht“ habe.

Alleine habe er alle Einbrüche begangen, alleine einen schweren Tresor aus der Poststelle in Vacha getragen, alleine mehrere 100 Kilo Kupfer ins Auto geschleppt. Der 37-Jährige habe währenddessen mal „im Auto geschlafen“, mal „im Auto mit seiner Freundin telefoniert“.

Warum er den Freund zunächst belastet hat? „Weiß ich nicht mehr.“ Warum er die Beute geteilt habe, wenn der andere doch nicht beteiligt gewesen sei? „Warum nicht?“

Was dann die Kehrtwende veranlasst, lässt sich nur vermuten. Aber nach einer Pause erklärt der Verteidiger des 30-Jährigen, sein Mandant werde in der U-Haft bedroht, man verlange von ihm, den 37-Jährigen „rauszulassen“. Die Aussagen würden revidiert. „Alle“, sagt der 30-Jährige, „wir haben alles gemeinsam gemacht“.

Diese Aussage bringt den 37-Jährigen und seinen Verteidiger auf; der Angeklagte schreit fast. Die Mahnung des Richters, man möge sich beruhigen, fruchtet nichts – der Verteidiger möchte nicht nur die Staatsanwältin, sondern auch eine Schöffin, von der der 37-Jährige eine für ihn nachteilige Bemerkung gehört haben will, ablösen lassen.

Nase eingeschlagen

Er habe, sagt der Richter, aus der Haftanstalt die Bestätigung, dass dem 30-Jährigen die Nase eingeschlagen worden sei; dass er wegen einer möglichen Bedrohung jetzt isoliert werde. Was nicht zwangsläufig in Zusammenhang mit dem 37-Jährigen stehen müsse.

Der Prozess wird fortgesetzt. (mtw)

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