Als der Eiserne Vorhang fiel: Zwei offizielle Grenzschreiber erleben im Kreis Hersfeld-Rotenburg die Wende ganz hautnah

Hundert Tage am Puls der Zeit

BAD HERSFELD. Als Landrat Norbert Kern am 17. Mai 1989 den Berliner Wirtschaftsjournalisten und Buchautor Torsten Krüger als „ersten Grenzschreiber der Bundesrepublik“ der Öffentlichkeit präsentierte, ahnte noch niemand, dass sich während des literarischen Hundert-Tage-Engagements des jungen Mannes im Herbst die dramatische politische Wende in der DDR vollziehen würde. Nach 40 Jahren ging die innerdeutsche Grenze auf und der Kreis Hersfeld-Rotenburg hatte seinen Grenzschreiber vor Ort.

Die literarische Ausbeute war jedoch zunächst enttäuschend. Grenzschreiberin Nummer zwei, Helga Lippelt, die anschließend im Sommer 1990 den Weg zur deutschen Wiedervereinigung beobachten durfte, legte dagegen zeitnah ein lesenswertes Tagebuch jener aufregenden Wochen vor: „Trabbi, Salz und freies Grün“. Mit ihr endete das literarische Experiment Grenzschreiber auch schon wieder – die Grenze war Geschichte geworden.

Nach einem entsprechenden Kreistagsbeschluss hatte der Kreisausschuss Hersfeld-Rotenburg die auf drei Monate befristete Stelle eines Grenzschreibers im August 1988 ausgeschrieben. Rund 80 Bewerberinnen und Bewerber meldeten sich daraufhin.

Bewerber mit Erfahrung

Das Auswahlgremium, mit Mandatsträgern des Kreises besetzt, entschied sich für den damals 26 Jahre alten Torsten Krüger. Der hatte einmal als Stadtschreiber von Ahrensburg in Schleswig-Holstein schon entsprechende Erfahrungen vorzuweisen, zum anderen präsentierte er ein detailiertes Themen- und Arbeitsprogramm, das von Gesprächen mit getrennten Familien bis zur Wirtschaftsgeschichte des grenznahen Raumes reichte.

Krüger, der sein literarisches Amt auf Zeit am 14. September 1989 antrat, erhielt 80 DM Tagesspesen und Kilometergeld aus der Kreiskasse, dazu wurde ihm die Unterkunft bezahlt. Erwartet wurden im Gegenzug ein Buch, Zeitungs- und Radiobeiträge während der Zeit an der Grenze und eventuell auch ein Fernsehfilm.

Chance zur Analyse

Landrat Kern erklärte bei der Vorstellung, das Projekt Grenzschreiber solle nicht als Literaturpreis verstanden werden, sondern als Chance zur objektiven Analyse der Lage im deutsch-deutschen Grenzgebiet mit dem Nebeneffekt, den Landkreis Hersfeld-Rotenburg überregional bekannt zu machen.

Zumindest das zweite Ziel wurde erreicht. Mit der allmählichen Zuspitzung der innenpolitischen Lage in der DDR im Herbst 1989, gekennzeichnet von Massenflucht und Montagsdemonstrationen, wurde der Grenzschreiber zum gefragten Medienpartner. Die Teams von SFB, ZDF und anderen Sendern gaben sich in seinem Domizil auf Zeit in Hohenroda die Klinke in die Hand.

Von Peter Lenz

Kommentare