Zeitzeugen erinnern sich an den Mauerfall

Philippsthals Bürgermeister Fritz Schäfer „verriet“ Grenzöffnung bei Vacha

Am frühen Morgen des 13. November 1989 auf der Werrabrücke zwischen Philippsthal und Vacha: von links der Heringer Bürgermeister Roland Hühn, Fritz Schäfer, der stellvertretende Vorsitzende des Rates des Kreises Bad Salzungen (Vize-Landrat), Werner Bergmann, der Hersfeld-Rotenburger Landrat Norbert Kern und sein Büroleitender Beamter Hans-Otto Kurz. Foto:s: HZ-Archiv

PHILIPPSTHAL. Gegen 8 Uhr morgens, am Sonntag, dem 12. November 1989, tut der Philippsthaler Bürgermeister Fritz Schäfer etwas, das seit etwa 40 Jahren nicht mehr möglich gewesen war: Mit einigen Begleitern läuft er über die alte Werrabrücke vom Philippsthaler Weidenhain zur thüringischen Nachbarstadt Vacha am anderen Ufer.

Gerade haben Pioniere der DDR-Grenztruppen und Bauarbeiter die letzten Brocken der Sperrmauer auf der Brücke beiseite geräumt. Von Vacha her kommen der Gruppe einige Männer entgegen, einer von ihnen ist der Vachaer Bürgermeister Werner Mäder. „Der sagte uns, dass er seinen Kollegen in Philippsthal besuchen wolle“, erinnert sich Schäfer. „Ich habe geantwortet: Sie brauchen nicht so weit zu laufen, ich stehe vor Ihnen.“

Dem ehemaligen Philippsthaler Verwaltungschef steht die Szene heute noch deutlich vor Augen. Schäfer und seine Begleiter, unter ihnen Landrat Norbert Kern aus Bad Hersfeld, wollen das historische Vachaer Rathaus in Augenschein nehmen.

Ungläubige Blicke

Unterwegs geht an einem Haus ein Fenster auf, eine Frau schaut heraus, und Schäfer ruft ihr einen Gruß aus Philippsthal zu. „Die konnte das gar nicht glauben. Ich sehe die Frau heute noch vor mit, wie sie im Nachthemd ungläubig aus dem Fenster schaut.“ Im Gegensatz zu den Philippsthalern hatten die Vachaer bis dahin keine Ahnung, was sich an der Werratalbrücke abspielte. Auch in der hessischen Grenzgemeinde sollte die bevorstehende Öffnung des Eisernen Vorhangs an jenem Sonntagmorgen eigentlich nicht an die große Glocke gehängt werden – man befürchtete unkontrollierbare Menschenansammlungen und Kundgebungen, die möglicherweise die Bauarbeiten hätten behindern können.

Bürgermeister Schäfer meinte jedoch, eine so wichtige Nachricht von historischer Bedeutung seinen Bürger nicht vorenthalten zu können. Am Vorabend der Grenzöffnung zwischen Philippsthal und Vacha war Schäfer zu Gast bei der Wanderabteilung des des Turn- und Sportvereins, die in der Gaststätte Tiefenkeller ihren Jahresabschluss feierte. Gegen 20.30 Uhr tauchten dort zwei Zollbeamte auf, die den Bürgermeister dringend unter vier Augen sprechen wollten. Sie informierten ihn über die Grenzöffnung am nächsten Morgen und baten um vorläufiges Stillschweigen.

„Dieser Aufforderung bin ich nicht gefolgt“, räumt Schäfer heute ein. Gäste der Wanderfreunde waren an diesem Abend zwei junge Ehepaare aus Vacha, die die gerade erst am 9. November von Politbüro-Mitglied Günter Schabowski verkündete allgemeine Reisefreiheit für DDR-Bürger genutzt hatten, um auf dem Umweg über den Grenzübergang Herleshausen nach Philippsthal zu fahren.

In seinem Grußwort verkündete Schäfer, diese Besucher könnten am nächsten Morgen direkt von Philippsthal nach Vacha zurückfahren.

Von Peter Lenz

 

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