DDR: Betroffene gewähren Einblicke in ihr Leben in einem Unrechtsstaat

Freiheit ist ein Fremdwort

Als Aufklärer unterwegs (von links): Rocco Holler ist im Heim aufgewachsen, weil ihn der Lebensgefährte der Mutter – ein einflussreicher Richter – nicht wollte. Jutta Franke, die Frau vom Checkpoint Charlie, deren Leben verfilmt wurde. Autorin Ines Veith setzt sich für Menschen ein, die ihre Unabhängigkeit und Persönlichkeit verteidigen. Kerstin Kuzia, die von ihrer Mutter als Problemkind gesehen und ins Kinderheim abgeschoben wird – die Mutter muss lediglich die Verzichtserklärung auf das Erziehungsrecht unterschreiben. Foto: Reymond

Heringen. Sie wollen frei sein, landen aber im Gefängnis, in Jugendlagern oder in Kinderheimen. Gestern haben Zeitzeugen der SED-Diktatur vor Oberstufenschülern der Heringer Werratalschule über ihr Leben im Überwachungsstaat Deutsche Demokratische Republik (DDR) gesprochen.

Die bekannteste von ihnen ist Jutta Gallus (heute Fleck) – die Frau vom Checkpoint Charlie. Im August 1982 wird sie gemeinsam mit ihren beiden Töchtern in Bukarest verhaftet. Wegen ungesetzlichen Grenzübertritts im schweren Fall wird sie zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Ihre Strafe sitzt sie in der Vollzugsanstalt Burg Hoheneck ab. Nach 21 Monaten wird sie vom Westen freigekauft. Am Berliner Checkpoint Charlie startet sie einen wochenlangen Protest und Hungerstreik, um die Ausreise ihrer minderjährigen Töchter Claudia und Beate zu erzwingen. Doch es dauert bis zum August 1988, ehe sie ihre Kinder endlich wieder in die Arme schließen kann.

Doku und Spielfilm

Der Kampf um ihre beiden Kinder ist sogar verfilmt worden. Im Jahre 2007 laufen auf Arte und in der ARD erst die Dokumentation über die Frau vom Checkpoint Charlie und dann der Spielfilm mit Veronica Ferres in der Hauptrolle. „In der Spitze zwölf Millionen Zuschauer haben damals eingeschaltet. Viele von ihnen hat der Film mitten ins Herz getroffen. Das war das Signal für uns, weiterzumachen“, erinnert sich die Journalistin Ines Veith, die über ihre Begegnung mit Jutta Gallus am Checkpoint Charlie ein Buch schreibt, das später auch die Vorlage für den Spielfilm liefert. Auch sie ist bei den Schulbesuchen mit dabei und unterstützt die Zeitzeugen.

Politische Bildung

Das aktuelle Schwerpunktprojekt der hessischen Landeszentrale für politische Bildung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geht auf das Engagement von Jutta Fleck zurück, die heute in Wiesbaden lebt. „Nach dem Erfolg der Dokumentation und des Spielfilms habe ich bei Verantwortlichen der hessichen Landespolitik um Unterstützung gebeten und beim damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) offene Türen mit meinen Vorstellungen und Ideen eingerannt“, erinnert sich Jutta Fleck.

Und so wird seit einigen Jahren die Arbeit getan, die eigentlich in den neuen Bundesländern erledigt werden müsste – die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Doch Jutta Fleck weiß ganz genau, warum dies auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nicht geschieht: „Die alten Seilschaften existieren dort noch heute. So wie wir das damalige Unrechtssystem anprangern, so gibt es im Osten immer noch viele Menschen, die das Geschehene ganz anders interpretieren. Selbst bei Lesungen sitzen immer noch ehemalige Stasi-Mitarbeiter wie bestellt im Saal und bezeichnen die DDR immer wieder als einen sozialen Staat“, stellt sie kopfschüttelnd fest.

Denn Jutta Fleck und ihre Mitstreiter haben aufgrund ihrer schlimmen Erlebnisse in der DDR dazu eine ganz andere Meinung, die sie heute in die Bad Hersfelder Geistalschule und morgen in die Eschweger Anne-Frank-Schule vortragen werden.

Von Mario Reymond

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