Nach dem schweren Grubenunglück von Unterbreizbach: HZ-Interview mit Produktionsleiter Hartmuth Baumert

„Ein Gasausbruch nicht gekannter Dimension“

Gedenken nach dem Unglück im K+S Werk in Unterbreizbach. Fotos: Archiv

Unterbreizbach. Der Schrecken über das Unglück am 1. Oktober in der Kaligrube in Unterbreizbach sitzt bei den Kumpeln tief. Es kam zu einem gewaltigen Gasausbruch, bei dem drei Männer starben. Sie erstickten an Kohlendioxid, das bei einer Sprengung freigesetzt wurde und sich blitzschnell unter Tage ausbreitete. Seit vergangenen Samstag läuft die Produktion wieder. Zur Situation im Unterbreizbacher Bergwerk sprachen wir mit dem dortigen Produktionsleiter Hartmuth Baumert.

Herr Baumert, heißt das, dass die gesamte Grube wieder frei von gefährlichem Kohlendioxid ist, also auch jener Teil in 900 Meter Tiefe, wo das Unglück seinen Anfang nahm?

Hartmuth Baumert: Wir haben die großen Kohlendioxid-Ansammlungen jetzt aus dem Bergwerk entfernt. Bereiche, die noch nicht vollständig gasfrei sind, haben wir weiträumig abgesperrt. Das gilt vor allem für das unmittelbare Umfeld des Gasausbruchs.

Wie haben Sie es geschafft, für frische Wetter zu sorgen?

Baumert: Eine wichtige Voraussetzung war, dass der Hauptgrubenlüfter noch funktionsfähig ist. Innerhalb des weitverzweigten Grubengebäudes hat die Grubenwehr darüber hinaus mit mobilen Lüftern für Luftzirkulation gesorgt.

Wie stellen Sie fest, dass kein Gas mehr in der Grube ist?

Baumert: Das Bergwerk ist zum einen mit einem ortsfesten Netz von CO2-Sensoren ausgestattet. Darüber hinaus wird jeder einzelne Bereich mit Messgeräten auf Gasfreiheit überprüft, bevor er freigegeben wird.

Wer war bisher bei den Aufräumarbeiten unter Tage im Einsatz?

Baumert: Die Hauptlast der Arbeiten lag bisher auf den Schultern der Grubenwehrmänner. Sie haben in über vier Wochen Großartiges geleistet. Wir sind ihnen sehr dankbar! In gesicherten Frischwetterbereichen werden seit Anfang November auch andere Mitarbeiter des Grubenbetriebes eingesetzt.

Die Unterbreizbacher Grube liegt im Bereich des sogenannten Rhönmarsches, eines Gebietes, in dem es durch die Basaltstruktur des Gebirges zu Kohlendioxid-Einschlüssen und auch zu Gas-Ausbrüchen kommt. Experten meinen, dass die Intensität des Geschehens am 1. Oktober alle bisher gekannten Ausmaße in den Schatten stellt - auch die Unglücke von Menzengraben. Wie viele Tonnen Kohlendioxid sind Ihrer Einschätzung nach freigesetzt geworden?

Baumert: Wir teilen die Einschätzung der Experten des Landesbergamtes, dass ein Gasausbruch dieser Dimension bisher im Werra-Revier noch nicht vorgekommen ist. Und: Es gab auch keine Anhaltspunkte dafür, dass so etwas möglich wäre - sonst hätten wir das in unseren Sicherheitsvorkehrungen berücksichtigt. So lange, wie wir den Ort des Ausbruchs noch nicht in Augenschein nehmen konnten, ist es aber kaum möglich, etwas zur Menge des freigesetzten Gases zu sagen.

Hatten die drei Kollegen, die im Berg starben, unter den Gegebenheiten überhaupt eine Überlebenschance?

Baumert: Grundsätzlich gab es sicher eine Chance zu überleben, denn vier von sieben Mitarbeitern, die sich unter Tage aufhielten, konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Warum es den drei Kollegen, die verunglückt sind, leider nicht gelungen ist, ist noch nicht vollständig geklärt.

Was können Sie nach dem jetzigen Erkenntnisstand zum Hergang des Unglücks sagen?

Baumert: Wie Sie wissen, sind die behördlichen Untersuchungen des Unglücks noch nicht abgeschlossen. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass ich dem Ergebnis jetzt nicht vorgreifen möchte.

Wie hoch ist nach bisherigen Schätzungen der Schaden?

Baumert: Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand bewegt sich der Schaden durch den Gasausbruch im einstelligen Millionenbereich.

Wie geht es den vier Kollegen des Voraustrupps, die den Gasausbruch zum Glück überlebt haben? Werden sie noch medizinisch und psychologisch betreut?

Baumert: Die Berufsgenossenschaft hat allen, die an dem Unglück beteiligt waren, psychologische Unterstützung vermittelt. Von ihr wird individuell nach Bedarf Gebrauch gemacht. Auch wir von der Grubenleitung stehen weiterhin selbstverständlich in ständigem Kontakt zu den Mitarbeitern.

Kann wie bisher üblich auf Schacht II in die Grube in Unterbreizbach eingefahren werden oder muss der Schacht in Merkers benutzt werden, um Arbeiter und neue Ersatzgeräte unter Tage zu bringen?

Baumert: Da die Unterbreizbacher Schächte durch den Gasausbruch nicht beschädigt worden sind, fahren die Bergleute - wie bisher auch die Grubenwehr - über Schacht II ein.

Wie viele Kalikumpel sind bei den Aufräumarbeiten im Einsatz und wie gefährlich ist das?

Baumert: Bei den Aufräum- und Reparaturarbeiten sind zurzeit alle eigenen Schlosser und Elektriker in drei Schichten eingesetzt. Die Mitarbeiter haben eindeutige Anweisungen, in welchen Bereichen sie sich aufhalten dürfen. Um sichere Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, haben wir Bereiche, in denen sich noch Kohlendioxid befinden könnte, abgesperrt.

Wie wichtig ist das Unterbreizbacher Kali-Salz für die Produktion des gesamten Werkes Werra?

Baumert: Das Werk Werra ist ein Verbundwerk, in dem viele Strukturen wechselseitig miteinander verbunden sind, um für das Gesamtwerk optimal genutzt werden zu können. Zum Beispiel ergänzen sich die Produktpaletten der Standorte so, dass das Angebot des Werkes Werra an Standarddüngemitteln und Spezialprodukten möglichst umfassend ist. Darüber hinaus sorgt das Bergwerk Unterbreizbach dafür, dass durch die Zuförderung von Rohsalz die Produktausbeute des Standortes Wintershall verbessert wird.

Welche Sicherheitsvorkehrungen werden zurzeit getroffen?

Baumert: Wir gehen mit aller gebotenen Umsicht zu Werke. Oberstes Gebot ist, die Sicherheit der Mitarbeiter nicht zu gefährden. Dazu haben einerseits die Kumpel eindeutige Verhaltensanweisungen, andererseits sorgen wir durch Messungen und laufende Überwachungsmaßnahmen dafür, dass Risiken ausgeschlossen werden.

Gibt es Überlegungen, nach diesem Unglück am Sicherheitsregime bei Sprengungen etwas zu verändern?

Baumert: Überlegungen zur weiteren Verbesserung der Sicherheit stehen auf unserer Liste ganz oben. Sobald das Ergebnis der behördlichen Untersuchungen vorliegt, werden wir mit den Fachleuten des Landesbergamtes beraten, ob und gegebenenfalls wie Sicherheitsvorkehrungen angepasst werden müssen. Bis dahin gilt: Bei Sprengungen hält sich im Bergwerk Unterbreizbach vorläufig niemand unter Tage auf.

Von Ilga Gäbler

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