Vor 50 Jahren ist Volker Langlotz durch die Werra in den Westen geschwommen

Eigene Flucht nachgestellt

Mit Tränen in den Augen nahm Elisabeth Bittner ihren Bruder am Werra-Ufer in Philippsthal in Empfang – glücklich, weil sie dieses Mal dabei sein konnte. Fotos: Heiko Matz

Vacha/Philippsthal. Als Volker Langlotz in der Nacht zum 27. Juni 1962 im thüringischen Vacha ins Wasser stieg, war er allein – und niemand ahnte, was er vorhatte. Am vergangenen Montag schwamm er – so wie damals – noch einmal durch die Werra, von Vacha nach Philippsthal, und viele seiner Verwandten waren dabei.

Familientreffen

Anlass, seine Flucht nachzustellen, ist der 50. Jahrestag dieses für ihn bedeutsamen Ereignisses – günstige Gelegenheit dazu war das große Familientreffen, zu dem der 73-Jährige mit seiner Frau Erika und seinen beiden Söhnen (seine Tochter war verhindert) nach Vacha gereist war.

„Ich war politisch unter Druck“, nennt Dr. Volker Langlotz als Grund für seine Flucht aus der DDR. Einer seiner Studienfreunde sei „in eine Position eines informellen Mitarbeiters hineingepresst worden, er sollte uns ausspionieren“. Mit „uns“ meint er eine Gruppe junger Leute, die damals wie er an der Universität in Freiberg Bergbau studierte. Diese Gruppe habe man als politisch nicht konform betrachtet.

Der Freund, der spionieren sollte, sei 1961 über Berlin in den Westen gegangen, von wo er den anderen eine Nachricht zukommen ließ und alles erklärt habe. „Danach stand ich besonders im Fokus“, schildert Volker Langlotz. So sei sein Plan gereift, ebenfalls zu fliehen. Hilfreich sei ihm als Vachaer dabei „die besondere Ortskenntnis“ gewesen. Von seinem Vorhaben habe er niemandem etwas gesagt, auch nicht seinen Eltern. Was sehr schwer für ihn gewesen sei, „aber ich wollte niemanden gefährden“.

Loch im Stacheldraht

In der Nacht zum 27. Juli 1962 schließlich setzte er seinen Plan um: Weil dieser Weg am sichersten erschien, stieg er nicht direkt in die Werra, sondern zunächst in die Oechse, um mit deren Mündung in die Werra zu gelangen. Dort traf der damals 22-Jährige allerdings auf ein Hindernis: „Hermetisch dichter Stacheldraht.“ Diesen habe er abgetastet, irgendwann ein Loch entdeckt, „und da konnte ich durchschlüpfen“. Dies sei die größte Barriere auf seiner Flucht gewesen.

Gefährlich wurde es noch einmal, am Übergang der Oechse in die Werra, weil an der Fußgängerbrücke, die heute Vacha und Philippsthal verbindet, ein Wachturm stand – von dem ein greller Lichtstrahl auf den Fluss fiel. „An dieser Stelle bin ich getaucht und es ist gelungen: Ich war dann ganz schnell drüben auf der anderen Seite“, erzählt er. Im hessischen Philippsthal sei er direkt zum Hoßfeldschen Haus gegangen, das damals noch teils auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland, teils auf DDR-Gebiet stand. Im Westteil des Gebäudes wohnten Verwandte von ihm. Mit seinem Erscheinen um Mitternacht hat er sie „sehr überrascht“.

Kleiner Tod und ...

Von Beate Funk

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