Verfahren gegen Rotenburgerin eingestellt

„Das Opfer war nie in Lebensgefahr“

Die Angeklagte und ihr Rechtsanwalt Jochen Kreissl aus Bad Hersfeld. Foto: Nies/Archiv

Fulda/Heringen. Das Landgericht Fulda hat gestern das Verfahren gegen eine 23 Jahre alte Rotenburgerin wegen Totschlags eingestellt. Das Gericht stellte eine nur geringe Schuld fest. Die Frau muss 40 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Die Angeklagte hatte den Vorwurf der Staatsanwaltschaft bereits am ersten Verhandlungstag eingeräumt: Sie habe im Dezember 2013 in einer Wohnung in Heringen mit einem Küchenmesser auf ihren 27 Jahre alten Freund eingestochen. Doch sei der Stich in den Kopf in einer Situation erfolgt, als ihr Freund gerade zum Faustschlag gegen sie ausgeholt habe.

Viel Bier und Cannabis

Der Gerichtsmediziner Prof. Dr. Manfred Gießen aus Gießen sagte, zwar sei die Verletzung nicht von einem Arzt, sondern nur mittels Fotos von Polizeibeamten dokumentiert worden. Dennoch sei er sicher, dass die Verletzung im Bereich des Scheitels, etwa fünf Zentimeter über dem Ohr, nicht lebensbedrohlich gewesen sei. Die Tatwaffe habe eine abgerundete Spitze besessen.

„Das Opfer befand sich niemals in Lebensgefahr“, sagte er und fügte an, das Bad Hersfelder Amtsgericht hätte den Fall nicht als versuchten Totschlag einstufen und dem Landgericht zur Entscheidung vorlegen dürfen, sondern hätte ihn als gefährliche Körperverletzung selbst beurteilen müssen.

Der Kasseler Psychiater Dr. Helge Laubinger erklärte, die Angeklagte sei bei der Tat vermutlich nur vermindert schuldfähig gewesen. Die 23 Jahre alte Hartz-IV-Empfängerin hatte erklärt, vor der Tat habe sie viel Bier getrunken und Cannabis geraucht.

Eine Sozialpädagogin vom Kreisjobcenter Hersfeld-Rotenburg, die die Rotenburgerin betreut, berichtete, dass diese sehr an ihren Beziehungen gehangen habe, nun aber auf einem guten Weg sei und darüber nachdenke, eine Berufsausbildung zu beginnen.

Der Vorsitzende Richter Josef Richter regte die Einstellung des Verfahrens gegen eine Arbeitsauflage von Arbeitsstunden an und nannte dafür mehrere Gründe: Bei der Tat handele es nicht um einen versuchten Totschlag, sondern um eine gefährliche Körperverletzung – die Verletzung sei nur gering gewesen. In der Beziehung sei der Freund öfter handgreiflich geworden.

Nicht als Zeuge erschienen

Es sei nicht unwahrscheinlich, dass dies auch vor dem Messerstich so gewesen sei. Die Tatsache, dass der 27-Jährige bei der Polizei kaum Angaben zur Tat machte und vor Gericht nicht als Zeuge erschien, zeige, dass er nicht an einer Verfolgung interessiert sei – wahrscheinlich deshalb, weil er selbst etwas zu verbergen habe. Zudem sei die Frau nur vermindert schuldfähig gewesen.

Anklage und Verteidigung stimmten der Einstellung zu.

Von Volker Nies

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