250 Dinge, die wir an der Region mögen (232): Die Brücke der Einheit

Ein Bauwerk, das verbindet

Symbol für Teilung und Wiedervereinigung: Die Brücke der Einheit zwischen Philippsthal und Vacha. Im Hintergrund die Stadtkirche von Vacha. Foto: Eisenberg

Philippsthal/Vacha. Brücken verbinden. Ein Flussufer mit dem anderen, im übertragenen Sinne aber auch Menschen oder ganze Nationen.

Wie kaum ein zweites Bauwerk ist die Werrabrücke zwischen Philippsthal und Vacha ein steinernes Symbol für die deutsche Teilung und Wiedervereinigung. Den Hauch der Geschichte hat die Brücke jedoch schon mehr als einmal gespürt. Für die Landesherren von Hessen und Thüringen war die Flussquerung ein wichtiger Verhandlungsort. Im Oktober 1813 zog Napoleon mit seiner Armee über sie hinweg. Und zur Grenzöffnung am Morgen des 12. November 1989 wurde hier die vielleicht schönste Party in der Geschichte der beiden Nachbarorte gefeiert. An der Handelsstraße „hoha strazza“ gelegen, war die Werraquerung bei Vacha seit jeher von großer Bedeutung.

Im Jahr 1186 wurde erstmals eine Werrabrücke als Teil der Handelsstraße von Frankfurt nach Leipzig erwähnt. Ein schweres Hochwasser beschädigte 1342 die vermutlich zweiteilige Brücke über die damals noch drei Werra-Arme. Bis 1346 war das zweiteilige Bauwerk wieder aufgebaut. Die heutige einteilige Werrabrücke muss zwischen 1591 und 1603 entstanden sein. Dazu ist eine grausame Legende überliefert: Um der Brücke Standfestigkeit zu verleihen, soll ein lebendes Kind in einen der Pfeiler eingemauert worden sein. Ein kopfähnlicher Stein an der Ostseite erinnert daran. Bei der Sanierung 1993 und 1994 wurden allerdings keine menschlichen Überreste gefunden.

Im Frühjahr 1945 wurden die mittleren Bögen der 225 Meter langen Brücke gesprengt und erst 1950/51 wieder aufgebaut. Passierbar war die Brücke danach über Jahrzehnte für die Bevölkerung dennoch nicht. Hatte es anfangs noch einen kleinen Grenzverkehr gegeben, wurde mit dem Mauerbau auch die Brücke immer weiter verbarrikadiert: Sperranlagen und Wachtürme entstanden, die drei Flussarme von den Grenztruppen der DDR zwecks besserer Überwachung zu einem zugeschüttet. Die gefährliche Flucht durch den Fluss wagten einige DDR-Bürger dennoch – wenn die Sperrgitter bei Hochwasser hochgezogen werden mussten. Eng verwoben mit der Geschichte der Brücke ist auch die der ehemaligen Druckerei Hoßfeld, die auf Philippsthaler Seite direkt gegenüber liegt. 1890 direkt an der Grenze zwischen Preußen und Sachsen-Weimar erbaut, wurde das Wohn- und Geschäftshaus 1928 um einen Anbau über die Grenze erweitert.

Flucht im eigenen Haus

Die Haustür lag damit in Thüringen, was die sowjetischen Besatzungstruppen nach ihrem Einmarsch zum Anlass nahmen, das gesamte Anwesen zu besetzen. In der Silvesternacht 1951/1952 mauerte die Familie Hoßfeld den Durchgang zum östlichen Teil des Gebäudes zu und flüchtete damit im eigenen Haus in den Westen. Im Zuge der Neuvermessung der Grenze am 1. Januar 1976 wurde die Haushälfte zurückgegeben. Mit Grenzöffnung und Wiedervereinigung ist auch der Weg über die Brücke wieder frei. Als Brücke der Einheit ist sie steinernes Symbol für das geeinte Deutschland – und für Radfahrer und Fußgänger in Philippsthal und Vacha zugleich wieder der kürzeste Weg in den Nachbarort.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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