Wochenendporträt: Wiebke Nohr macht Praktikum mit Spitzhacke und Schippe

Baustelle statt Amtsstube

Schippe statt Schminke: Wiebke Nohr packt auf den Baustellen in Herfa kräftig mit an. Foto: Reymond

Herfa. Ihren Schulabschluss an der Werratalschule in Heringen hat Wiebke Nohr aus Herfa gerade zwei Monate in der Tasche. Doch statt nach dem Abitur erst einmal eine kleine Lern-Pause einzulegen, will die 19-Jährige gleich wieder zurück auf die harte Bank in einer Bildungseinrichtung. „Ich freue mich darauf, wieder mit dem Lernen anzufangen“, sagt sie.

Mit Beginn des Wintersemester will die Herfaerin an der Technischen Hochschule in Aachen Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Bau studieren. „Eigentlich hätte ich mir auch ein Studium im medizinischen Bereich vorstellen können. Eben etwas, womit ich später anderen helfen kann“, erklärt sie. Doch davon hätten ihr Insider abgeraten. Und die Bereiche Design und Kommunikation seien ihr mit Blick auf das spätere Berufsleben ebenfalls zu unsicher.

Da Wiebke unter helfen auch kräftig zupacken versteht, hat sie sich schließlich für den etwas handfesteren Studiengang entschieden. Ein Praktikum am Bau, das sie derzeit bei der Eiterfelder Baufirma Giebel in ihrem Heimatort absolviert, hat sie bei der Wahl ihres Studiengangs noch weiter bestärkt.

„Alle sind fleißig“

Obwohl sie sich auf den Baustellen in Herfa, und von denen gibt es dort zurzeit einige, immer wieder von Kopf bis Fuß dreckig macht, gefällt ihr die Arbeit unter freiem Himmel. „Als Außenstehender denkt man immer, dass Bauarbeiter nichts tun und die Baustellen fast nicht vorankommen. Doch das ist nicht der Fall. Es ist schon erstaunlich, wie flott hier alles voranschreitet.“

Die Geschichtchen von den Männern am Bau, die vor Arbeitsbeginn erst einmal eine Flasche Bier trinken, könne sie nicht unterschreiben. „Hier sind alle fleißig. Die Arbeitseinstellung hat mich positiv überrascht“, erklärt Wiebke Nohr.

Rumbummeln sei auch überhaupt nicht möglich, da jeden Donnerstag die Mitarbeiter der zuständigen Planungsbüros vor Ort seien, um den Baufortschritt in Augenschein zu nehmen. Insgesamt drei verschiedene Büros sind in Herfa tätig – eines ist zuständig für den Kanalbau, ein weiteres für den Wasserleitungsbau und ein drittes für den Straßenbau. „Die Baustellenbesichtigungen sind immer wieder interessant, weil geschaut wird, ob all das so umsetzbar ist, wie es am Reißbrett zuvor geplant worden ist.“

An der Hochschule in Aachen will Wiebke Nohr ab Mitte Oktober ihr Studium zunächst in Richtung ressourcenschonendes Bauen – zum Beispiel Wasserkraftanlagen – ausrichten. „Aber vielleicht lande ich auch beim Tiefbau. Das Praktikum macht schon viel Spaß“, sagt die junge Frau.

Und sie führt weiter aus: „Ich bin halt ein Mädel vom Lande da bekommt man schon einiges mit. Ich habe einen Ferienjob bei K+S gemacht und auch bei meinem Hobby Reiten, muss ich schon ordentlich anpacken“.

Und das will sie auch nach ihrem Studium tun. „Auf keinen Fall will ich in irgendeiner Amtsstube hocken. Letztlich muss ich aber erst einmal schauen, wie ich in dem Studiengang zurechtkomme. Ich habe schon ein wenig Bammel davor, dass der mathematische Bereich sehr heftig werden könnte“, erklärt Wiebke Nohr.

Doch ans Scheitern verschwendet sie keinen Gedanken: „Ich lasse mich jetzt erst einmal überraschen“, so die 19-Jährige.

Von Mario Reymond

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