Neuestes Werk von Dieter Schenk ist soeben im Berliner Ch. Links-Verlag erschienen

Akribische Archivarbeit

Druckfrisch: Dieter Schenk liest in seinem gerade eben erschienenen neuesten Werk. Foto: Reymond

Lampertsfeld. Zwei Jahre lang hat sich der Schriftsteller Dieter Schenk (76) aus Lampertsfeld für sein neuestes Werk Zeit gelassen. Es trägt den Titel: Danzig 1930 bis 1945 – Das Ende einer Freien Stadt.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde Danzig vom Deutschen Reich abgetrennt, unter Mandat des Völkerbundes gestellt und zur freien Stadt erklärt. Diese von den deutschen Danzigern nie akzeptierte Entscheidung trug dazu bei, dass die Nationalsozialisten mit ihrem Versprechen, Danzig „heim ins Reich“ zu holen, schon ab 1930 zu einer politisch bedeutenden Kraft in der Stadt wurden.

Leidtragende waren in den Folgejahren die polnische Minderheit, die Danziger Juden sowie alle Menschen in Opposition zum Nazi-Regime. Sie wurden schikaniert, unterdrückt, verfolgt, in „Schutzhaft“ genommen, vertrieben oder umgebracht. Der Terror verstärkte sich noch nach Kriegsbeginn, der Wiedereingliederung Danzigs ins Reich und der Schaffung des neuen Reichsgaus Danzig-Westpreußen. Abertausende verloren ihr Leben. Am Ende des Kriegs war die Altstadt eine Ruinenlandschaft. Dieter Schenk schildert anschaulich Aufstieg, Terror und Ende der NS-Herrschaft in Danzig. Ergänzt wird dies durch zahlreiche, historisch seltene Fotos.

Bei seinen Recherchen zu dem Buch widmete Schenk sich nach eigenen Worten sehr dem Alltag in Danzig während dieser Zeit. Viele Informationen holte er sich zudem in akribischer Archivarbeit aus den damaligen Zeitungen Danziger Vorposten und Danziger Neueste Nachrichten. „Bei der Übernahme bestimmter Dinge war natürlich immer größte Vorsicht geboten, denn schließlich handelte es sich um deutsche Zeitungen, die natürlich die Entwicklungen nur aus einem bestimmten Blickwinkel betrachteten“, erklärt Schenk.

Korruption in der SS

Nachdem nun gerade „Das Ende einer Freien Stadt“ erschienen ist, will sich Schenk in naher Zukunft mit der Korruption innerhalb der in Polen eingesetzten SS beschäftigen. Dabei werde er aber sicher nicht die Frage beantworten können, wo all die jüdischen Kunstwerke geblieben sind. „Das wurde zum Großteil nicht erfasst. Und die meisten Betroffenen leben nicht mehr. Eine derartige Aufklärungsarbeit wäre schier aussichtslos“, merkt Schenk an. Unter Zeitdruck möchte er sich bei seiner neuen Aufgabe nicht setzen lassen. „Fünf Jahre wird es aber sicher nicht dauern“, scherzt der Schriftsteller.

Zudem beschäftigt ihn derzeit ein ganz aktuelles Thema, das er als falsche Codes für das Gedächtnis beschreibt. So werde von Rechten beispielsweise immer die Bezeichnung „polnische Konzentrationslager“ verwendet. Dabei müsste es richtig Konzentrationslager auf polnischem Boden heißen. Auch die Bezeichnung der Polen als Aggressoren sowie der von Rechten immer wieder kolportierten Auschwitz- und Sobibor-Lüge möchte der Lampertsfelder akribisch auf den Grund gehen. Einen Vortrag dazu hält Schenk am 11. Oktober in Warschau.

Und auch die Verbindungen der nationalen Neonazi-Szene nach Polen will der Autor in nächster Zeit ganz genau beleuchten. So habe es nach Auskunft des Bundesamtes für Verfassungsschutz im vergangenen Jahr 22 150 registrierte Rechtsextremisten in Deutschland gegeben – 9600 davon seien gewaltbereit, nennt Schenk erste Recherche-Ergebnisse.

Von Mario Reymond

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