Ihre musikalische Sprache geht über Genre-Grenzen: Eva Gerlach und Stefan Kling im Montags-Interview

Zwei Menschen, die Türen öffnen

Er bewundert ihre energetische Freundlichkeit, sie seine Flexibilität und seinen Mut zur Kreativität: Eva Gerlach und Stefan Kling verfolgen unterschiedliche musikalische Stilrichtungen, ergänzen sich aber trefflich. Foto: Vea Walger

Rotenburg. Eva Gerlach und Stefan Kling sind gelebtes Crossover: Sie ist Kantorin und klassische Pianistin, er Jazz-Pianist und Popularmusiker. Zusammen gestaltet das Musikerpaar große Projekte, so wie zuletzt die Tangomesse. Wir sprachen mit den beiden über die Reize der musikalischen Grenzüberschreitung, geballte Kreativität und das, was sie voneinander gelernt haben.

Frau Gerlach, Herr Kling, sind Sie Gegensätze? Oder ergänzen Sie sich gegenseitig? Eva Gerlach: Sowohl als auch. Stefan Kling: Wenn man guckt, was wir alles gemeinsam machen, dann ergänzen wir uns wohl eher. Gerlach: Wir haben jeder unsere Gebiete, ich zum Beispiel meinen Chor, Stefan seinen Jazz, die Weltmusik. Kling: Trotzdem ticken wir ähnlich. Wir haben unterschiedliche Stilrichtungen, aber keine unterschiedliche Sprache.

Sie haben zusammen schon mehrere größere Crossover-Projekte gemacht, also solche, die musikalische Grenzen überschreiten. Liegen Sie damit im Trend? Gerlach: Ja, das spürt man deutlich. Die Klassik in ihrer ursprünglichen Form ist auf einem absteigenden Ast. Deshalb wird überall mehr und mehr vermischt, alles ist in Bewegung. Kling: Natürlich lebt Klassik. Aber im Alltag, bei der Jugend, da kommt sie wenig vor. Da ist es nötig, dass etwas Neues passiert, etwas Spannendes. So kann man Aufmerksamkeit erregen. Gerlach: Zum Beispiel habe ich durch unser erstes gemeinsames Projekt, die Jazz-Messe von Dave Brubeck, 16 neue Sänger in den Chor gelockt. Die meisten sind dann dabeigeblieben und haben auch die klassischen Werke kennen- und lieben gelernt.

Finden Sie diese Aufweichung der Genres auch ein bisschen bedauerlich? Kling: Im Gegenteil. Sonst würde ich das gar nicht machen. Das ist für uns eine Erweiterung, eine schöne Erfahrung. Ich merke das an meinen Musikern. Die sind vielleicht erst mal abwartend, dann schnell sehr begeistert. Türen werden aufgemacht. Gerlach: Und der gegenseitige Respekt ist sehr groß. Das hat man bei der Tangomesse jetzt sehr deutlich gemerkt. Die Orchestermusiker waren beeindruckt von der Band und umgekehrt. Und jetzt planen sie ein gemeinsames Konzert...

Haben Sie sich durch diese Projekte auch selbst verändert? Gerlach: Ich bin offener geworden. Durch Brubeck habe ich Feuer gefangen, was Jazz angeht. Ich habe sogar angefangen, zu improvisieren. (lacht)

Kann man das lernen? Kling: Natürlich gibt es Begabungen. Aber im Prinzip kann jeder improvisieren. Je jünger er ist, desto leichter fällt es ihm. Deswegen wird das auch mehr und mehr in den Instrumentalunterricht integriert, genau wie man mehr Jazz und Popularmusik einbezieht.

Dadurch entstehen vielseitigere musikalische Persönlichkeiten? Kling: Genau. Und gleichzeitig lustvollere. Das macht den Kindern nämlich unheimlich Spaß. Die wollen gerne auch mal das nachspielen, was sie im Radio hören. Gerlach: Dann muss man nur aufpassen, dass die Klassik nicht zu kurz kommt.

Hören Sie eigentlich auch manchmal einfach zusammen Musik? Gerlach: Hier zu Hause noch nie. Kling: Nur im Auto, wenn ich auf Tour bin. Gerlach: Man hat einfach auch das Bedürfnis nach Stille. Kling: Weil unser ganzer Tag Klang ist.

Ist das auch manchmal anstrengend: Zwei Musiker in einem Haushalt? Gerlach: Ich finde es herrlich. Kling: Es erleichtert das Leben. Gerlach: Man weiß, wie der andere tickt. Kling: Man hat auch die gleichen Schwierigkeiten, kennt den gleichen Druck.

Können Sie sich auch gegenseitig kritisieren? Gerlach: Es gab noch keinen Grund. (lacht) Kling: Aber wir würden das hinkriegen. Du hast mir auch schon mal Tipps gegeben, bei einer Chorsache. Dafür war ich dankbar. Gerlach: Ich glaube, wir können die Kritik des anderen gut aushalten, weil wir so verschiedene Nischen haben, wir stehen nicht in einem Konkurrenzverhältnis. Kling: Wir haben unsere Berührungspunkte, aber jeder zieht seine Bahnen allein. Gerlach: Du bist jedenfalls der bessere Pianist. Kling: Das stimmt nicht.

Frau Gerlach, was haben Sie von Stefan Kling gelernt? Gerlach: Flexibilität. Mut zur Kreativität. Den Mut, ungewöhnliche Projekte anzugehen. Ich bin manchmal etwas festgefahren. Und ich finde toll an Stefan: Er ist nicht so fixiert auf Ziele, nicht so perfektionistisch. Das macht das Leben leichter.

Und Sie, Herr Kling, was haben Sie von Eva Gerlach gelernt? Kling: Da ist ihre Kreativität, ihre Ausdauer. Am allermeisten bewundere ich aber diese energetische Freundlichkeit an ihr, diese Offenheit. Ich bin introvertierter. Eva kann so sprühen, sie strahlt richtig, kann auf das Publikum zugehen. Das ist toll. Das müsste ich noch besser hinkriegen. Gerlach: Du bist doch nicht introvertiert! Der Chor hat dich sofort ins Herz geschlossen. Das liegt an deiner offenen Art.

Von Vera Walger

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