Guntershausen

Zugunglück 1973: Grete Hohmeister saß im letzten Wagen

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Hermann Hohmeister hat seine Frau nie im Stich gelassen. Sie sitzt bis heute im Rollstuhl. Gemeinsam leben die beiden in Breitenbach.

Guntershausen/Bebra. Grete Hohmeister aus Bebra war auf dem Heimweg von einem Lehrgang, als sie am 5. November 1973 Opfer des Zugunglücks bei Guntershausen wurde. In einem Büchlein über ihr Leben erinnert sie sich zurück:

Grete Hohmeister stieg am Kasseler Bahnhof in den vorletzten Wagen ein. Weil es dort sehr voll war, ging sie in den letzten Wagen, einen Erste-Klasse-Waggon. Hohmeister meint, sich zu erinnern, dass sie vor der Abfahrt auf die Bremsprobe wartete und sich wunderte, dass das gewohnte Zischen ausblieb. Später hielt der Zug, offenbar tatsächlich wegen defekter Bremsleitungen, auf offener Strecke und wurde wenig später vom darauffolgenden Zug gerammt.

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Grete Hohmeister war die Einzige im letzten Waggon, die den Aufprall überlebte. An den Unfall kann sie sich nicht erinnern. Drei Wochen später wachte sie im Krankenhaus auf. Beide Beine waren zerquetscht, Kopf und Kiefer verletzt und die Rippen gebrochen. Das rechte Bein wurde unterhalb des Knies amputiert. Drei Jahre verbrachte sie im Krankenhaus, musste über 30 Operationen über sich ergehen lassen. Ihr linkes Bein lässt sich bis heute nicht beugen.

Trotzdem konnte sie sechs Jahre nach dem Unfall wieder bei ihrem alten Arbeitgeber, der Sparkasse Hersfeld-Rotenburg, anfangen. Auf den Unfall folgten teilweise bis heute andauernde Gerichtsprozesse, etwa gegen die Berufsgenossenschaft oder die Rentenversicherungsanstalt, sowie Verhandlungen mit der Bundesbahn. Erfolge, sagt Hohmeister, habe es dabei selten gegeben.

llgegenwärtig sind in Grete Hohmeisters Leben die Folgen des großen Unglücks, auch noch 40 Jahre danach. Da ist der Schrank voll dicker Ordner, die den Briefwechsel mit den Krankenkassen beinhalten, da ist der sperrige Rollstuhl. Und da ist das gemeine Untier: Als würde ein Krokodil ihr in den amputierten rechten Fuß beißen, sagt die 78-Jährige und ahmt mit den Fingern den Griff des Krokodilmauls nach. Der Phantomschmerz ist fast unerträglich und tritt ohne Ankündigung auf, bisweilen mehrmals am Tag.

Gretes Ehemann Hermann umgibt seine Frau im Wohnhaus der beiden in Breitenbach wie ein guter Engel. Grete muss nicht „bitte“ sagen, wenn sie etwas braucht. Jede Bemerkung über ihn erzählt von tiefer Dankbarkeit. „Mein Mann, an dem können Sie sich ein Beispiel nehmen“, erklärt sie. „Sie möchte in jedem Menschen das Gute hervorbringen“, sagt er über sie und lächelt dabei. Liebevoll streicht er ihr über die Haare. „Hat sie nicht schöne Locken?“

Grete Hohmeister ist herzlich, ihr Blick wach und zugewandt. Sie schwärmt von ihren beiden Urenkeln, widmet sich akribisch und mit Leidenschaft den Inhalten der verschiedenen Fernstudiengänge, die sie absolviert hat oder noch absolviert, hat die Freude am Malen entdeckt.

In dem Büchlein, das sie über ihr Leben geschrieben hat, schreibt Grete Hohmeister: „Sie, lieber Leser, werden immer wieder die Bitterkeit heraushören, die aufsteigt, sobald man sich erinnert.“ Von Verbitterung ist Grete Hohmeister aber weit entfernt.

Es lässt sich nur erahnen, dass in ihr bisweilen ein ohnmächtiger Zorn auf das Schicksal wüten muss. Zum Beispiel dann, wenn sie trotzig erklärt, dass sie bis zum heutigen Tag Schmerzen hat: „Das ist das Allergemeinste!“ Oder wenn sie im Gespräch Gedanken äußert, die Botschaften aus ihrem Innersten sind: „Vorher waren Sie ein Mensch, dann, im Rollstuhl, sind Sie ein Nichts.“

Kurz darauf kann sie, nicht weniger glaubwürdig, wieder sagen: „Ich sehe immer nur das Schöne.“

Grete Hohmeister wurde 1935 in Rumänien geboren. Seit 1945 lebt sie in Breitenbach. Seit 1956 ist sie mit ihrem Mann Hermann verheiratet. Sie arbeitete als Verwaltungsfachangestellte und Chefsekretärin. Sie hat zwei Kinder, acht Enkel und zwei Urenkel. An der Fernuniversität erlangte sie den Abschluss Diplom-Ökonomin. Sie beschäftigte sich mit Verhaltenswissenschaften, Psychologie und Philosophie und schrieb ein Buch über das menschliche Bewusstsein: „Der Bewusstseinsblitz“.

Von Achim Meyer

Quelle: HNA

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