Wochenendporträt: Karl Kärsten flechtet für den guten Sitz

Bebra. Der Stuhlflechter aus Bebra hat das aussterbende Handwerk von seinem Großvater gelernt. Ein Wochenendporträt eines Mannes, dessen Handwerk kaum noch verbreitet ist.

Für die Beschaffenheit seines Arbeitsmaterials hat Karl Kärsten einen sechsten Sinn. Kleinste Unebenheiten in den schmalen Rattanstreifen nimmt er wahr und weiß so immer genau, wie und wo er ein Stück davon am besten verarbeitet. Der 64-Jährige geht in seiner Wohnung in Bebra einem aussterbenden Handwerk nach: dem Stuhlflechten.

Gelernt hat Kärsten dieses Handwerk als Kind von seinem Opa, der verwundet aus dem Krieg heimgekehrt war und mit dem Flechten in Bosserode Geld verdiente. Kärsten wurde Eisenbahner, war Fahrdienstleiter auf unterschiedlichen Stellwerken. Vor vielen Jahren sprach ihn eine Frau an, die den Opa noch kannte, und fragte, ob er einen Stuhl reparieren könne.

Kärsten fand das Werkzeug seines Opas wieder, darunter auch ein altes Taschenmesser mit Holzgriff. Das, sagt er, sei das wichtigste Arbeitsgerät. Das Stuhlflechten wurde für ihn zur Freizeitbeschäftigung.

Ab und zu bringt jemand aus dem Freundeskreis ein altes und nicht mehr heiles Möbelstück vorbei. Dann nimmt Kärsten es in Augenschein. Ausbessern kommt fast nie in- frage. Die geflochtene Bespannung einer Lehne etwa muss am Stück gefertigt werden, sonst entstehen Unregelmäßigkeiten. Über zehn Stunden kann Kärsten damit verbringen, einen Stuhl zu erneuern. Bis zu vier Stunden arbeitet er am Stück. Die wenige Millimeter breiten und bis zu vier Meter langen Streifen der Rattanpalme hängen gebündelt an einer Wand.

Kärsten weicht sie ein und macht sie mit Kernseife geschmeidig. Das Flechten ist eine Frage von Konzentration und Routine. Einfallsreichtum ist an den Rändern gefragt, besonders, wenn der Rahmen eine ungleichmäßige Form hat. Nicht immer ist da eine Fuge vorhanden, und dann muss Kärsten mit Gips oder Klebstoff arbeiten. Um die Flechtstreifen in den Löchern mit Klebstoff zu fixieren, verwendet Kärsten kleine Stifte. Die gibt es aus Plastik zu kaufen, aber sie sind ihm oft abgebrochen. Dafür hat Kärsten sich eigene Sifte aus Holz geschnitzt - so, wie es der Opa auch gemacht hatte.

Quelle: HNA

Kommentare