Bad Hersfelder Festspiele: Ganz allein im düsteren Kerker

Wochenend-Porträt: „Hexenjagd“-Star Corinna Pohlmann wagt den Selbstversuch Rotenburger Hexenturm

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Allein im Hexenturm: Corinna Pohlmann alias „Hexe“ Abigail Williams aus Dieter Wedels Festspielstück, merkt man die ängstliche Verlorenheit in dem kalten, düsteren Kerker deutlich an.

Rotenburg. Corinna Pohlmann spielt bei den Bad Hersfelder Festspielen die Abigail Williams in Dieter Wedels „Hexenjagd“. Im Rotenburger Hexenturm hat die Schauspielerin den Selbstversuch gewagt.

Knarzend öffnet sich die alte Holztür. Modrige Luft strömt aus dem inneren des Hexenturms. Mit leichtem Schaudern zwängt sich Corinna Pohlmann durch die schmale Türöffnung. Eine Spinne krabbelt davon. Wenigstens gibt es Licht. Kurz darauf steht die junge Schauspielerin allein in dem alten Turm und presst sich schutzsuchend an die kalte Ziegelwand. Die letze Hexe, die in dem Turm eingekerkert war, hieß Anna Else Baldewin und war eigentlich ein harmloses Kräuterweib.

Das war im Jahr 1668. Jetzt ist wieder eine Hexe in Rotenburg. Corinna Pohlmann spielt die Abigail Williams in Dieter Wedels „Hexenjagd“. „Es ist schrecklich und grausam, wie man damals mit den Frauen umgegangen ist“, sagt sie und schaut nachdenklich zu der kleinen Luke empor, durch die die „Hexen“ einst Essen und etwas Licht bekamen. Bürgermeister als Retter Glücklicherweise haben sich die Zeiten geändert. Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald ist persönlich gekommen, um die junge Schauspielerin aus dem düsteren Turmverlies zu retten. Grunwald kennt den Hexenturm schon aus Schulzeiten: „Für Grundschüler war das Pflichtprogramm.“ Auch heute noch gibt es „Hexenführungen“ mit Turmbesichtigung in Rotenburg, die sehr beliebt sind, erzählt Antje Engel von der Tourist-Information. „Aber heute haben die Kinder keine Angst mehr vor Hexen“. Dafür gibt es neue Hexenjagden in den sozialen Netzwerken – eine Problematik, die Dieter Wedel in seinem Festspielstück herausarbeitet. Corinna Pohlmann jedenfalls ist sichtlich froh, wieder in der warmen Sonne vor dem Turm zu stehen. Im hellen Sonnenlicht leuchten ihre Haare ganz besonders „hexenrot“.

Die Figur ihrer Abigail sieht sie eher als Opfer einer bigotten Gesellschaft, die deshalb selbst auch zur Täterin wird. Man merkt ihr an, dass sie sich für die Rolle tief in die Gedankenwelt der jungen „Abi“ hineinversetzt hat und nun mit ihr fühlt und leidet – bis in den Kerker hinein. „Ich muss die Figur lieben, die ich spiele“, sagt sie. Zum Glück hat Rotenburg viele schönere Seiten als das düstere Verlies. Auf dem kurzen Weg zum Café am Marktplatz erhält sie eine kleine Stadtführung vom Bürgermeister. „Diese Kulisse wirbt für sich“, sagt Grunwald. Er würde sich freuen, wenn die Bad Hersfelder Festspiele wieder wie früher zu Gastspielen in andere Gemeinden des Kreises kämen. „Unser Landgräfliches Schloss ist sicher mit dem Eichhof zu vergleichen“, meint er. Vielleicht kann Corinna Pohlmann den Intendanten ja überzeugen, dass er im kommenden Jahr auch mal in Rotenburg spielt. Ein Herz für Hexen hat man dort heutzutage auf jeden Fall.

 

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Quelle: HNA

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