Imshäuser Gespräch zu Demokratisierungsversuchen im Nahen Osten

Im Gespräch: Professor Urs Müller-Plantenberg – links im Bild – moderierte den Abend im Imshäuser Herrenhaus mit dem Berliner Nahost-Politikberater und Islamwissenschaftler Dr. phil. Michael Lüders.

Imshausen. Der Nahe Osten stand im Mittelpunkt des Imshäuser Gesprächs der Stiftung Adam von Trott. Unter dem Titel „Naher Osten – Dauerkrisenherd ohne Ende?“ erläuterte Dr. Michael Lüders, Politik- berater und Islamwissenschaftler aus Berlin, seine Sicht insbesondere am Beispiel von Ägypten, Tunesien und Syrien.

Die Konflikte und Hintergründe des „arabischen Frühlings“, der inzwischen auch „arabischer Albtraum“ genannt werde, seien geopolitisch und geostrategisch zu beurteilen. Ursache der Konflikte seien nicht - wie im Westen häufig vermutet - der Islam oder ethnische und religiöse Fragen. Es seien vielmehr „Eliten“ in allen diesen Ländern, die ihre politischen Machtpositionen verteidigten und die in die eigenen Taschen wirtschafteten.

Es besteht ein erheblicher Modernisierungsbedarf, sagt Lüders. Doch die Infrastrukturen würden nicht erneuert, und die Bildung der Bevölkerung werde nicht gefördert. Eine Mittelschicht sei kaum vorhanden, deren Verdienste seien vergleichsweise minimal.

Eine wesentliche Ursache der „Brandherde“ sei auch das immense Bevölkerungswachstum. So seien beispielsweise in Ägypten 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 Jahre. Gerade der jüngeren Generation fehle jedoch jegliche wirtschaftliche Perspektive.

Aber auch nach einem Machtwechsel würden diese Staaten meist schnell wieder zu Diktaturen voller Willkür. Lüders bezeichnete die Vorstellung, dass Staaten, die von Clans oder Stämmen getragen würden, sich nach Umbrüchen zu Demokratien entwickeln „wollten“, als „westliche Illusion“.

Lüders wies besonders auf die Lage in Ägypten hin, wo Menschenrechte auch nach dem Machtwechsel systematisch und grausam unterdrückt würden und es trotz demokratischer Wahlen weiterhin keine rechtsstaatlichen Strukturen gäbe.

Tunesien sei nach Einschätzung des Referenten hingegen ein Hoffnungsträger. Dort sei - anders als in Ägypten - die Armee bewusst nicht gestärkt worden. In Syrien hingegen werde der Bürgerkrieg mittlerweile von einem vielschichtigen Stellvertreterkrieg überlagert. Wirtschaftliche Interessen seien auch hier ausschlaggebend. Michael Lüders’ Prognose für Syrien lautet: „Zehn bis 15 Jahre Krieg, Trümmerhaufen, Zerfall aller Ordnungen, kein Zentralstaat.“

Das militärische Engagement der Bundeswehr in Afghanistan beurteilte Michael Lüders so: „Wir Deutschen fangen an, das zu tun, was die Amerikaner hinter sich haben, nämlich Verantwortung zu übernehmen in Ländern, von denen wir keine Ahnung haben.“ (red/mli)

Quelle: HNA

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