Interview mit Klimaschützer Dag Schulze: „Windkraft ist wichtig“

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Auch Radfahren ist gut fürs Klima: Dr. Dag Schulze, zuständig für Energie beim Klima-Bündnis, am Rande der Preisverleihung für die Aktion „Stadtradeln“ im Kurpark von Bad Hersfeld.

Bad Hersfeld. Klimaschützer aus ganz Deutschland haben sich in der vergangenen Woche in Bad Hersfeld zu einer Fachtagung getroffen. Bei der Konferenz sprach Kai A. Struthoff mit Dr. Dag Schulze von Klima-Bündnis über die Herausforderungen der Energiewende.

Herr Dr. Schulze, Bad Hersfeld, verwendet große Anstrengungen auf den Klimaschutz und leistet sich dafür sogar eine eigene Stabsstelle. Wo steht die Stadt in Sachen Klimaschutz im Vergleich zu anderen hessischen Kommunen?

Dr. Dag Schulze: Bad Hersfeld gehört, bezogen auf seine Größe, zu den Vorreitern in Hessen. Frankfurt am Main unternimmt auch viel für den Klimaschutz, ist aber auch viel größer. Zudem gibt es verschiedene Schwerpunkte. Frankfurt ist weit vorn bei Energie-effizienten Bauten. Bad Hersfeld ist bei der Kommunikation und Information über Klimaschutz führend. Das ist sicher ein Verdienst des hiesigen Klimaschutzbauftragen Guido Spohr.

Wird der Klimaschutz bereits ausreichend als kommunale Aufgabe von Städten und Gemeinden begriffen?

Schulze: Leider noch nicht. Es ist auch keine Pflichtaufgabe, sondern wird freiwillig übernommen. Angesichts knapper Kassen fällt deshalb leider der Klimaschutz oft hinten runter. Dabei kann man damit Geld sparen. Aber die meisten Umweltinvestitionen erfordern hohe Kosten am Anfang, die sich erst mit der Zeit amortisieren. Eigentlich müsste man eine Vollkostenbetrachtung über die gesamte Nutzungszeit machen. Hinzu kommt, dass die Finanzierungsinstrumente für die Kommunen darauf auch nicht ausgelegt sind.

Die Energiewende droht angesichts steigender Strompreise zum Unwort bei der Bevölkerung zu werden. Was kann man dagegen tun?

Schulze: Aufklären! Es ist ein komplexes Thema. Aber es wird viel falsches und oft zu einseitig berichtet. Natürlich geht es auch um Geschäftsinteressen, die jetzt wegzubrechen drohen. Es ist ein Wahnsinn, dass wir immer noch Kohle abbaggern, dabei haben wir schon genug Kohlenstoff in der Atmosphäre. Aber am Bergbau hängen auch Arbeitsplätze. Die Bevölkerung sollte sich jetzt nicht kirre machen lassen wegen der Stromkostendebatten, denn die ist nicht real. Die Stromkosten machen nur einen ganz kleinen Teil der Energiekosten, etwa für Heizung oder Mobilität aus. Vom Bundesumweltminister wünschte ich mir mehr Wahrhaftigkeit in dieser Diskussion.

Das Klima-Bündnis versteht sich als Netzwerk mit den indigenen Völkern Südamerikas. Warum sollten die Europäer auf Komfort verzichten, um den Regenwald der Indianer zu retten?

Schulze: Dafür gibt es viele Gründe. Der wichtigste ist, dass der Regenwald wie eine große CO2-Senke wirkt, der hilft die Treibhausgase zu reduzieren und die Erderwärmung zu verlangsamen. Das geht alle an, obwohl meist die Extremwetter-Ereignisse Hochwasser, Hagelschläge oder Tornados immer nur kleinteilige Auswirkungen haben. Deshalb wird die Gefahr für das globale Klima noch nicht ausreichend ernst genommen. Letztlich führt der Klimawandel auch zu Wanderbewegungen, weil bestimmte Gebiete nicht mehr bewohnbar sind. Das sieht man jetzt schon an den Flüchtlingen aus Afrika.

In unserer Region wird heftig über Windkraft diskutiert. Wie sinnvoll ist es, auf jedem Hügel Windräder aufzustellen?

Schulze: Wir brauchen die Windkraft, weil sie zusammen mit der Photovoltaik die kostengünstigste Form der erneuerbaren Energien darstellt. Außerdem sind sie, anders als das Biogas, brennstofffrei. Das ist so wertvoll, weil wir uns an natürliche Ströme, wie Wind und Sonne, ankoppeln. Man muss aber die Menschen dabei mitnehmen, erklären und auch an den Gewinnen der Windkraft beteiligen. Eine Windkraftanlage ist ein sichtbarer Eingriff in die Natur – Treibhausgas hingegen ist unsichtbar.

Es herrscht fast Goldgräberstimmung bei der Windkraft, jeder will mitverdienen. Sollen wir das ganze Land verspargeln?

Schulze: Wir werden uns schon an einen Wandel unserer Kulturlandschaft gewöhnen müssen. Es funktioniert nicht mit „aus den Augen, aus dem Sinn“. Umfragen zeigen, dass sich junge Leute weniger an Windrädern stören als ältere. Und wir haben uns ja auch an die Stromtrassen gewöhnt.

Die sind auch sehr umstritten bei uns. Gibt es wirklich keine Alternative zu diesen Stromautobahnen?

Schulze: Nur teilweise, die Alternative wären eben die Windkraftanlagen vor Ort. Wenn die Windräder sich aber vor der Küste drehen, dann braucht man Stromtrassen, um die Energie ins Land zu bringen. Wir brauchen beides, aber auch ich halte die derzeitigen Pläne zum Netzausbau für zu ambitioniert – aber wir werden nicht ohne Leitungen auskommen.

Seit vielen Jahren wird propagiert, die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 zu halbieren. Ist diese Ziel noch zu erreichen?

Schulze: Da sehe ich momentan etwas schwarz, angesichts einer bevorstehenden großen Koalition. Eine schwarz-grüne Bundesregierung wäre für das Klima sicher besser gewesen.

Quelle: HNA

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