Henny Rothschild beschreibt die Rotenburger Pogromnacht und deren Folgen

„Wie gehetztes Wild“

Treue Freundin: Anne Elisabeth Brandau besuchte Familie Rothschild nach deren Flucht in Göttingen und informierte sie über das inzwischen in Rotenburg Geschehene. Als Meinhold Rothschild 1972 wieder nach Rotenburg kam, wollte er außer dem jüdischen Friedhof nur Familie Brandau sehen.

Rotenburg. Nach einigen einführenden Sätzen schreibt die damals 33-Jährige Henny Rothschild:

So kam auch der denkwürdige 7. November, an dem wir abends um 11 Uhr in unser Bett wie gewöhnlich gingen. Genau um 12 Uhr nachts schon fing es bei uns an; die Fenster wurden eingeschlagen bis oben im Speisezimmer vermittels Feuerwehrleitern, unten Parterre die angeschraubten Schaltern mit Äxten zerhauen, Pflastersteine flogen in unsere Betten, aus denen wir nur noch mit Mühe und Not im allerletzten Augenblick herauskamen. Solch eine Nacht möchte ich nie wieder erleben. Josefchen schrie, wir waren fast unfähig uns zu rühren (…) Als die Bande abzog, hatten wir keine ganze Scheibe und kein ganzes Fensterkreuz mehr an der Vorderfront des Hauses, und immer hörten wir das Klirren und Einschlagen in der Stadt. Was soll ich mehr sagen, es blieb nicht ein Haus verschont, wo nicht eingeschlagen wurde, ebenso in Bebra und in Baumbach.“

Noch schrecklicher als die private Notlage empfand Henny Rothschild den Schmerz und die Trauer über die Schändung und Demolierung der Synagoge: „Das Verbrennen der Sefers (= heilige Schriften) traf uns alle wie ein Schlag, das war uns das Ärgste.“

Hennys Ehemann Meinhold und ihr Bruder David Löwenstein, dessen Familie an der Brückengasse 6 ein Textilgeschäft führte, mussten nicht nur die Scherben vor ihrem Haus beseitigen, sondern wurden auch gezwungen, die verkohlten Reste des religiösen Schriftguts und des Synagogeninventars zu beseitigen, die sich im Steinweg auftürmten. Auch in ihrer äußersten Bedrängnis folgten die beiden jüdischen Männer ihren religiösen Überzeugungen und schafften die Überbleibsel der heiligen Schriften auf den jüdischen Friedhof am Hausberg, um sie dort zu bestatten.

Henny Rothschild weiter: „Was soll ich lang alle Schrecken erwähnen, die wir hatten, wir entschlossen uns wegzufahren, um das Schlamassel nicht noch mal zu erleben. Um 5 Uhr mit dem Eilzug fuhren wir bis Bebra, dort trafen wir Löwensteins und so furchtbar viel Glaubensgenossen aus der Gegend. Ihr könnt Euch davon keinen Begriff machen, alle verstört und wie gehetztes Wild.

Der Mittwochabend brachte dann die Nachricht vom Tode des Herrn vom Rath und wir wussten, dass dies der Anfang zu weiteren Schrecken bedeuten würde.“ Wie sehr sich ihre Vorahnung bestätigen sollte, erfuhren die Geflüchteten, als ihnen zwei Wochen später die Rückkehr nach Rotenburg anbefohlen wurde, um auf eigene Kosten ihre Häuser instand setzen zu lassen.

„Und da boten sich uns in Rotenburg Anblicke, die einem nie wieder in Vergessenheit kommen werden. Bei Tante Lina (Rothschild, Steinweg 24) sahen wir zuerst statt Haustür 2 Latten im Kreuz als Türverschluss, bis zum Dach hinauf kein Fenster, kein Fensterrahmen, in keinem Zimmer war noch ein Nagel, am Haus ein großes Schild: Dieses Haus ist polizeilich gesperrt: Die Ortspolizei!“

„Weiter zu Brandesens, von allen Seiten das Haus demoliert genau wie bei den anderen. Beim Weg über die Brücke bei Gansens, Frau Neuhaus, alte Frau Speyer.... Dann gingen wir zurück in unser Haus. Was soll ich Euch sagen: statt Haustür ein Lattenverschlag, dasselbe Schild: Polizeilich gesperrt.

Wir drückten die Bretter ab und kamen so in den Hausflur, nicht mal der Briefkasten war verschont. Das Wohnzimmer total leer, nichts drin. Im Schlafzimmer des Kleinen nichts mehr, kein Bett, kein Vorhang, nur Scherben von Geleegläsern und Inhalt vermengt mit Erbsen, Holzsplittern, Steinchen. In der Küche nichts mehr als der Herd, nichts im Wandschrank, nirgends die geringste Kleinigkeit, die Kellertür offen, alles rausgeholt, keine Ölsardinendosen, Gläser mit Eingemachtem, alles weg... nichts in der Kammer, nicht mal mehr der Ofen, die Lichtleitung abgerissen, das Wasser abgestellt. ...

Der schlimmste Anblick bot sich uns aber auf dem Hof: Die Waschküche halb abgerissen, auf dem Lager kein Dach mehr und die Wände halb abgerissen. Alles was noch Wert hatte wie: das Fahrrad, Farbmühle, Holz etc. auch da gestohlen und der Hof selbst bedeckt mit verbeulten Eimern, Dachziegeln, Balken, Lehm etc., es sah aus, als habe es gebrannt...

Henny Rothschilds Resümee: „Es ist überall in diesen Tagen viel geschehen, aber was sich in Rotenburg alles ereignete, war der Gipfel aller Geschehnisse. Ich kann Euch nur sagen, dass überall, wo man hinkam, man als Rotenburger Jude mit besonderem Rachmones (= Mitgefühl) aufgenommen wurde.“

Quelle: HNA

Kommentare