Tatjana Kröger durchquerte auf ihrer abenteuerlichen Reise Sambia und Simbabwe

Warten auf den Regen

Tatjana Kröger

Obersuhl/lusaka. Monatelang ging ich zum Essen und Einkaufen auf chaotische Märkte, die trotz ihres begrenzten Warenangebots einen ständigen Frontalangriff auf alle fünf Sinne darstellen. Jetzt stehe ich in der klimatisierten Sterilität eines Supermarktes ratlos vor langen Reihen voller Konserven, Schokolade und Cornflakes. Den Eingang bewacht ein riesiger Plastikweihnachtsbaum; daneben versucht ein glutäugiger junger Israeli beinahe erfolgreich, mir Hautpflegeprodukte vom Toten Meer aufzuschwatzen. Die Straßen sind gespickt mit Ampeln und Zebrastreifen, an denen die Autofahrer sogar manchmal anhalten. Ja, bin ich denn noch in Afrika?

Lusaka, Sambias kosmopolitische Hauptstadt, lässt daran zumindest Zweifel aufkommen. Schließlich finde ich aber auch hier einige jener wackligen Bretter- oder Wellblechbuden, in denen man für wenig Geld gutes afrikanisches Essen bekommt: Sorghumbrei, an den ich mich längst gewöhnt habe, dazu ein Stückchen Huhn, Fisch oder Fleisch, Spinat, Kohl, Bohnen, alles in würziger Tunke.

Der Zambezi Express, der von der kongolesischen Grenze durch Sambia bis nach Simbabwe fährt, zerstreut alle Zweifel endgültig. Der „Express“ ist ein 3.-Klasse-Bummelzug, und ich richte mich auf eine unbequeme schlaflose Nacht ein.

Warten auf den Regen

Schon in Lusaka hat er anderthalb Stunden Verspätung eingefahren, und bald bietet sich das vertraute Bild: Trockensavanne und Dörfer aus Lehmhütten, Getreidespeicher, die überdimensionalen Krügen gleichen, und kleine Karrees aus Maisstrohmatten - die Toilettenhäuschen.

Bauern legen mit langen Hacken mühselig letzte Hand an ihre Äcker; man wartet auf den Regen, um endlich pflanzen zu können. In der Abenddämmerung kommen Frauen in langen Reihen aus dem Busch, mit unglaublichen Lasten auf dem Kopf: riesige Bündel Feuerholz, Wasserkanister. Kinder stehen an der Bahnlinie und winken; der Zug ist das Ereignis der Woche.

Malerische Schlucht

Die schon um drei Wochen verlängerte Trockenzeit zerstört auch das größte Naturwunder im südlichen Afrika zumindest vorübergehend. Die berühmten Victoria-Fälle sind auf sambischer Seite bis auf ein dünnes Rinnsal trockengefallen; dort gähnt jetzt nur eine hundert Meter tiefe, zugegebenermaßen malerische Schlucht. Ich bin fassungslos.

Der bedeutendsten archäologischen Sehenswürdigkeit, den Ruinen der mittelalterlichen Königsstadt Alt-Simbabwe mit ihren Türmen und Mauern, die gänzlich ohne Mörtel gebaut wurden, kann das unfreundliche Wetter Gott sei Dank nichts anhaben.

Ekelhaftes Gebrüll

Ich übernachte in einer Hütte in Sichtweite der Ruinen. Mitten in der Nacht wache ich von einem ekelhaften Gebrüll auf; dann wird offenbar ein Mülleimer ausgeräumt. Es sind keine Waschbären, sondern Paviane.

Morgens trabt seelenruhig ein Warzenschwein durchs Dorf. Etwas später bringt mich ein mit 21 Erwachsenen und einem halben Dutzend Kleinkindern gefüllter VW-Bus zurück in den nächsten größeren Ort. Ich bin noch in Afrika. (red/ysy)

Quelle: HNA

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