Tränen im Gerichtssaal

Prozessauftakt: Hersfelder soll Internet-Freundin erstochen haben

Weiden/Bad Hersfeld. Die Mutter und der Vater rutschen immer wieder in die Gegenwartsform, wenn sie über ihre Tochter sprechen. Als ob Stefanie S. noch am Leben wäre. „Sie hat panische Angst vor Rollläden“, sagt die Mutter vor dem Weidener Schwurgericht.

Die Familie aus dem bayerischen Vohenstrauß schaffte im November 2011 blickdichte Vorhänge an, damit Stefanie S. und ihre zweijährige Tochter wenigstens in der eigenen Wohnung vor den Nachstellungen von Alexander S., einem 22-jährigen Mann aus Bad Hersfeld, sicher seien. Wenige Tage später war Stefanie S. tot.

Der Stalker hatte sie im Treppenflur ihres Miethauses mit drei Messerstichen umgebracht. Die von der Vermieterin alarmierte Mutter kam zu spät. „Ich konnte sie nur mehr in den Arm nehmen, bis der Puls aussetzte. Dann war sie tot“, schluchzte die 45-jährige Frau beim Auftakt des Mordprozesses gegen Alexander S. Erschütternde Szenen spielen sich im Gerichtssaal ab, als die Eltern schildern, wie es zum Tod ihrer 21-jährigen Tochter kam. Die Mutter schilderte, dass auch ihrer kleinen Enkelin am Abend des 4. November 2011 der Anblick ihrer sterbenden Mama nicht erspart blieb.

Bittere Vorwürfe

Bittere Vorwürfe gehen von der Familie an Beamte der Polizeiinspektion Vohenstrauß: Die Polizisten hätten auf ihre Anzeige gegen den Stalker nur zögerlich reagiert - wohl auch, weil der Täter seinerseits einige Tage vor seiner Bluttat in Vohenstrauß Anzeige gegen sein späteres Opfer wegen Stalkings erstattet hatte.

Die Familie sei mit den Worten „Sagen Sie Ihrer Tochter, sie soll erst einmal erwachsen werden“ abgefertigt worden, klagt die Mutter an. Die Kollegen von der Polizei in Bad Hersfeld, von wo der Angeklagte stammt, reagierten anders: Nach einem Anruf der Familie im Herbst sprachen die Hersfelder Beamten ein ernstes Wort mit Alexander S. und nahmen ihm das Versprechen ab, die Frau in Ruhe zu lassen.

Dass die Sorgen der Familie S. wohlbegründet waren, zeigte sich nicht erst nach den tödlichen Messerstichen. Wochenlang hatte Alexander S. die 21-Jährige mit SMS und Telefonanrufen bombardiert. Denn das war das große Problem von Alexander S.: Die 21-jährige Vohenstraußerin war zu dem Schluss gekommen, dass sich der 22-Jährige, die nette Bekanntschaft aus einem Chat-room im Internet, im realen Leben als Mensch mit einer schweren psychischen Störung entpuppte.  

Alexander S. aber, der sich Hals über Kopf in die ruhige Haushaltsschülerin verliebt hatte, wollte das nicht wahrhaben. Kurzerhand zog er von Bad Hersfeld nach Vohenstrauß, mietete sich in einer Pension ein und suchte sich einen Job als Lagerist in einem örtlichen Betrieb.

Kündigung

Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als der enttäuschte Liebhaber gekündigt wurde und den Jobverlust Stefanie S. anlastete. Die Liebe schlug in Hass um, der Nachsteller schritt zur Tat. Am 4. November 2011 klingelte es an Stefanie S.s Haustür. Die junge Mutter dachte wohl, es sei der getrennt lebende Vater ihrer kleinen Tochter, den sie aber aus Angst vor dem Stalker gebeten hatte, zeitweise in ihrer Wohnung zu übernachten. Stattdessen stand Alexander S. plötzlich im Treppenhaus. Er zog ein Küchenmesser und stach zu.

Der Prozess vor dem Schwurgericht wird am 20. Juli fortgesetzt.

Von Reinhold Willfurth

Quelle: HNA

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