Eichhorstbrücke an der A 4 wird abgerissen und neu gebaut – auch unter ihr ist viel los

Tierisch viel Verkehr

Sie hat den Brücken-TÜV nicht mehr bestanden: Die Eichhorstbrücke, Teil der Autobahn 4 bei Hönebach, wird abgerissen und neu gebaut. Klaus Gärtner, Karl-Wilhelm Herzog und Helmut Fernau, von links, haben jeder auf seine Weise eine besondere Beziehung zu dieser Brücke. Sie liegt im Bereich des Reviers Hönebach, das zum Forstamt Rotenburg gehört. 5 Fotos: Dupont/1 Foto Archiv

Hönebach. Am Tag lässt sich hier kein Schwein blicken. Wenn es dämmrig wird, und oben auf der AutobahnBrücke der Verkehr langsam abnimmt, wird es dafür unter der Brücke umso lebhafter.

Vom Rothirsch bis zur Wildkatze nutzt dann alles, was laufen und krabbeln kann, die einzige Möglichkeit, die Autobahn 4 zwischen Friedewald und Obersuhl zu queren. Die Fahrbahn ist seit Jahren durch Zäune abgesichert.

Im Zuge der Sanierung und des Ausbaus der Autobahn 4 von Friedewald bis zur thüringischen Grenze muss auch die baufällige Eichhorstbrücke bei Hönebach abgerissen und neu gebaut werden.

Wenn Klaus Gärtner die Brücke sieht, gerät er ins Schwärmen. „Diese Leichtigkeit, diese filigranen Pfeiler, diese Bautechnik!“. Über 70 Jahre hat das Bauwerk auf dem Buckel. „Es ist ein Jammer, dass die Brücke abgerissen werden muss“, findet der 60-jährige Hönebacher, der ehrenamtlich in der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz (AGF) tätig ist.

Noch höher schlägt Gärtners Herz aber, wenn er von den Tieren unter der Brücke und in den Brückenkammern erzählt. Dann ist er nicht mehr zu bremsen. Seit Generationen nutzen Rothirsche, Rehe, Wildschweine, Feldhasen, Füchse, Dachse oder Mäuse diesen Weg.

Die Eichhorstbrücke liegt im Seulingswald. „Die Autobahn durchschneidet das größte zusammenhängende Waldgebiet der Region“, erläutert Karl-Wilhelm Herzog, der bis zu seiner Pensionierung 2001 Revierleiter des ehemaligen Reviers Eichhorst war. „Auch die Rothirsche lassen sich nicht vom Verkehrslärm stören“, weiß der 76-Jährige. Kaum ein Gebiet in unserer Region hat einen so großen Rotwildbestand wie der Seulingswald.

Spuren im Waldboden: Schon oberhalb der Brücke am Wirtschaftsweg findet man erste Hinweise auf den Wildwechsel. Ein Rothirsch hat deutlich seine Fährte hinterlassen.

Für die Tiere ist die Unterführung wichtig. „Wären beide Waldteile getrennt, würde eine Verinselung drohen und damit die Gefahr der genetischen Verarmung“, erläutern Herzog und Gärtner. Oder anders ausgedrückt: Ein Hirsch sollte auch mal Kontakt haben zu einer Hirschkuh aus dem anderen Bereich. Auf einer „Insel“ können die Tiere auf Dauer nicht existieren, wenn es nicht zu einem Austausch kommt. Die Unterführung dient dem Schutz der Arten. „Auch die Wildkatze, die aus der Region verschwunden war, ist seit mehreren Jahren hier wieder heimisch“, berichtet Gärtner.

Ein wichtiges Winterquartier für Fledermäuse wie das Große Mausohr sind die beiden Kammern am Anfang und am Ende der Brücke. Die Kammern sind frostfrei. Auch Schmetterlinge überwintern dort. Bei den regelmäßigen Zählungen fanden Tierschützer insgesamt 52 Tierarten, die dort überwintern oder ganzjährig leben.

Die beiden Kammern wird es beim Neubau der Brücke nicht mehr geben. „Es wird in der Nähe ein künstlicher Stollen angelegt, der diese Funktion für die Tiere übernehmen soll“, berichtet Klaus Gärtner. „Vielleicht dauert es dann zehn Jahre, bis Fledermäuse und Schmetterlinge merken: Dieser Superstollen ist extra für uns gebaut.“

Für die Tiere, die den Wildwechsel unter der Brücke nutzen, ändert sich durch den Neubau aber nichts. Auch unter der neuen Brücke soll es wieder tierisch viel Verkehr geben.

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Von René Dupont

Quelle: HNA

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