Rotenburg-Erinnerungen: Jüdische Gäste besuchten die Heimat ihrer Vorfahren

Das Silber im Ofen versteckt

Den silbernen Löffel hat Julian Brandes’ Großmutter mit weiterem Besteck 1938 vor den Plünderern versteckt - im Ofen ihres damaligen Hauses an der Neustadtstraße im Hintergrund. Brandes hat ihn aus den USA mitgebracht und dem Rotenburger Mikwe-Museum geschenkt. Foto: Meyer

Rotenburg. Julian Brandes hat aus San Francisco ein Geschenk mitgebracht. Der silberne Löffel gehört zu einem Besteckservice, das seiner jüdischen Großmutter gehörte. Als im November 1938 in Rotenburg die Randale der Pogromnacht begannen, versteckte sie das Silber im Ofen ihres Hauses an der Neustadtstraße, um es vor Plünderern zu schützen. Zusammen mit Schwester, Cousine und Angehörigen besuchte Brandes jetzt die Heimat seiner Vorfahren.

Die Familie Brandes hatte in dem Haus an der Fulda ein Geschäft für Textilien. Im Jahr 1939 floh der 32-jährige Ludwig Brandes vor den Nazis in die USA, seinem Bruder Kurt war zuvor die Flucht nach Südafrika gelungen. Gerade noch rechtzeitig. Ihre Schwester Margarete kam 1944 im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig um. Ludwigs Tochter Joani wurde 1945 geboren. Julian Brandes und seine Schwester Gretel sind die Kinder von Kurt und wuchsen bei Johannesburg auf, Julian wanderte später von Südafrika in die USA aus.

Die Väter gaben ihre Rotenburg-Erinnerungen weiter: Die Kinder tobten mit einem Fußball aus Lumpen, im Winter musste Kurt Eis zertrümmern, das sich im Waschbecken gebildet hatte. Beim Haus stand eine Kastanie. Zurück kehrten sie nie. Die Väter weigerten sich, deutsch zu sprechen, kauften keine deutschen Produkte. „Sie hatten so viel verloren“, erklärt Julian und sucht nach einem Wort für die Gefühlswelt seines Vaters: „Verbitterung.“

Im Rotenburger Fußballteam: Dieses historische Foto von der Rotenburger Fußballmannschaft stammt aus dem Jahr 1929. Es zeigt Kurt Brandes, der vorne rechts neben dem Tormann hockt. Zur Verfügung stellte uns das Motiv Dr. Heinrich Nuhn, der die Geschichte jüdischer Rotenburger Familien erforscht. Foto: Nuhn/nh

Das Gefühl, das Julian, Gretel und Joani beim Rundgang durch Rotenburg haben, ist ein anderes: Traurigkeit. Für Gretel ist die Erfahrung „bittersweet“, wie sie auf englisch erklärt, also schön und bedrückend zugleich. Bürgermeister Christian Grunwald empfing die Nachfahren der Brandes-Familie im Rathaus, Dr. Heinrich Nuhn, der die Geschichte jüdischer Rotenburger Familien erforscht, führte die Gäste durch die Stadt und beantwortete viele ihrer zahllosen Fragen. „Wärme und Freundlichkeit“ hat Gretel gespürt, und trotzdem: „Jude raus!“ soll ein Mann ihrem Vater noch auf dem Weg zum Bahnhof hinterhergerufen haben. Es fällt ihr schwer, das zu vergessen.
Für Julian Brandes war es der erste Besuch in Rotenburg. Seinen Kindern und Freunden in San Francisco wird er von den erstaunlichen Bemühungen der Deutschen Berichten, den Völkermord aufzuarbeiten. „Es ist ein unglaublicher Fortschritt der Leute hier, wie sie die Vergangenheit dokumentieren“, sagt er beeindruckt. Der silberne Löffel wird im Mikwe-Museum bleiben und an die Geschichte der Familie Brandes erinnern. (zmy)

Quelle: HNA

Kommentare