Kampf um höheres Blindengeld: Ist es denn noch Nacht?

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Haben ihren Humor trotzdem nicht verloren: Sieglinde und Armin Meyer. Sie stammt aus Rockensüß, wo die beiden sich auch kennenlernten. Er war nach dem Krieg als Flüchtling aus dem Osten gekommen. 1959 kaufte er den Hof Krehan in Braunhausen, 1960 heirateten die beiden. Sieglinde Meyer ist inzwischen fast blind. Gesichter oder die Uhr kann sie nicht mehr erkennen.

Braunhausen. Handgearbeitete Deckchen liegen auf Tisch und Schränken, die Kissenbezüge sind selbst gehäkelt: „Ich habe so gerne Handarbeiten gemacht“, sagt Sieglinde Meyer, „und wahnsinnig gerne gelesen.“ Noch immer probiert die fast 76-Jährige zu häkeln, aber es entstehen nur Löcher.

Außer hell und dunkel kann sie kaum noch etwas sehen. Von Gesichtern erkennt sie lediglich Umrisse, Augen nimmt sie als dunkle Punkte wahr. Die dunklen Punkte auf den Kartoffeln sieht sie dagegen nicht mehr. Da schält ihr Mann Armin Meyer (78) nach.

Inzwischen hat er immer mehr Arbeiten im Haushalt übernommen, denn seine Frau ist nahezu blind. Im März wurde eine feuchte Makuladegeneration festgestellt. Unter einem Auge war ein Bluterguss, die Netzhaut war wellig, berichtet Armin Meyer, der zeitlebens in der Landwirtschaft gearbeitet hat und zusammen mit seiner Frau nur eine kleine Rente bekommt.

Die Krankenkasse genehmigte sieben Spritzen, von denen eine einzige über 1500 Euro koste, sagt Meyer. Beim Landeswohlfahrtsverband (LWV) stellte er für seine Frau einen Antrag auf Blindengeld, das auch bewilligt, aber zugleich auf das Pflegegeld angerechnet wurde. Wegen Demenz und Zucker bekommt sie Pflegestufe I. Rund 400 Euro blieben vom Blindengeld übrig.

Die Spritzen führten zu einer leichten Besserung: So etwa bildete sich der Bluterguss zurück, sagt Armin Meyer. Besser sehen könne seine Frau aber nicht: Ein Apfel? Eine Apfelsine? Sieglinde Meyer sieht nur helle Flächen. „Die Langeweile bringt mich um“, sagt sie. Sie will die Böden putzen, „aber ich mache lauter Streifen“.

Nach jeder Spritze musste der Augenarzt dem LWV eine Bescheinigung schreiben. Die Sehkraft liege bei mehr als zwei Prozent, schreibt er, das bedeutet: hochgradig sehbehindert, aber nicht blind. Daraufhin stellte der LWV im Juli nach fünf Monaten die Zahlungen ein. „Der LWV sagt, es sei eine Verbesserung eingetreten“, kritisiert Meyer, „aber es ist nicht besser geworden. Fünf Prozent oder zwei Prozent, meine Frau ist blind“. In der Unterscheidung sieht er keinen Sinn. Unterdessen kommt Sieglinde Meyer mit einem Schüsselchen und fragt: „Was ist denn das? Kartoffelsalat?“ „Brei“, antwortet er geduldig, „Kartoffelbrei“.

Armin Meyer bemängelt, dass er und seine Frau seit Anfang September nichts mehr vom LWV gehört hätten, nachdem sie ein gewünschtes Gutachten an den Verband geschickt hätten.

Jetzt, zweieinhalb Monate später, meldete sich der LWV: Sieglinde Meyer gelte nur noch als hochgradig sehbehindert. Nach Abzug des anzurechnenden Anteils vom Pflegegeld, bleiben nun 120 Euro vom „Blindengeld für hochgradig Sehbehinderte“. „Dabei ist nichts besser geworden“, sagt Armin Meyer.

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

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Quelle: HNA

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