Zeit der Quälerei ist vorbei

Selbstversuch: Volontär Nico Beck versuchte sich als Dachdecker

Nicht der Himmel, sondern ein fertiges Dach ist das Ziel: Volontär Nico Beck (links) unterstützt Martin Nejedly, Mitarbeiter der Dachdeckerei Hess & Walther GbR, bei der Arbeit auf dem Dach. Eine waghalsige Tätigkeit, die viel Konzentration und Geschicklichkeit und Mut erfordert. Besonders dann, wenn man in luftigen Höhen nicht ganz schwindelfrei ist. Foto: Beck/Cornelius

Bad Hersfeld. Der Schweiß läuft mir von der Stirn. Immer wieder zücke ich ein Stoff-Taschentuch, um mein Gesicht von den salzigen Tropfen zu befreien. Der Grund dafür ist aber nicht, dass es so heiß ist. Sondern ich stehe in zehn Metern Höhe auf einem Dach. Und ich bin nicht schwindelfrei.

Ein falscher Schritt, eine Unachtsamkeit, eine nicht sauber befestigte Dachlatte - daran darf ich jetzt nicht denken. Ich stehe auf einer vier mal sechs Zentimeter schmalen Holzleiste, klammere mich zudem mit der linken Hand an einer weiteren Latte fest. Dennoch versuche ich, Martin Nejedly, so gut es geht, zuzuarbeiten. Der 30-Jährige steht gut anderthalb Meter neben mir auf der Gaube des Daches und bringt die Dämmplatten an, die für höheren Hitze- und Schallschutz sorgen, Energie sparen und feuerfest sind.

Und ich sorge dafür, dass er die benötigten Hölzer, Schrauben und Platten bekommt. Die werden mit einem kleinen Aufzug direkt von der Straße zu mir aufs Dach befördert. Ich kralle mir das Material und steige aufs Dach. Die Arbeit ist gefährlich, aber richtige Maloche stelle ich mir anders vor. Und die hatte ich befürchtet. Denn so richtig harte Knochenarbeit wird nicht verrichtet, niemand schleppt kiloschwere Materialien das Gerüst hoch bis aufs Dach. Doch unter diesem falschen Bild leider der Beruf.

Das bestätigt mir der 39-jährige Mike Walther, der den Familienbetrieb 2001 von seinem Opa Fritz Hess übernommen hatte. Als Walther von einem Kundentermin zurück zur Baustelle kommt, möchte ich mich mit ihm über seine Arbeit unterhalten, So stolz ich bin, Martin geholfen zu haben, und so sehr mich sein Handwerk auch fasziniert, so sehr freue ich mich, nun vom Dach zu steigen und wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Keine reine Maloche mehr 

„Die Zeiten der harten Maloche sind vorbei, wir haben viele gute Maschinen, die uns die Arbeit erleichtern“, sagt Walther. Früher sei der Job mehr Quälerei gewesen, und die Zeiten hätten sich gewandelt. „Und unsere Arbeiten sind auch sehr abwechslungsreich“. Dennoch sei die Arbeit kein Zuckerschlecken,und es müsse noch viel zugepackt werden.

Aber es werde zunehmend filigran gearbeitet. Und das habe ich bei vielen Tätigkeiten an diesem Tag hautnah erlebt. Ein Dachdecker arbeitet mit vielen unterschiedlichen Werkstoffen, muss sich immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen. Walther: „Und wir machen noch vieles mehr, verkleiden Schornsteine, sanieren Balkone und erledigen Klempnerarbeiten.“

Zudem wird bei Wind und Wetter gearbeitet. „Mal sind es 40 Grad, mal regnet es. Aber dagegen kann man sich ja schützen.“

Ich kann gut nachvollziehen, dass nicht jeder Mensch bei Wind und Wetter in luftigen Höhen arbeiten will. Und auch die Gefahr spielt sicherlich eine tragende Rolle. Aber die abwechslungsreiche und feine Handarbeit mit vielen Werkstoffen hat ihren besonderen Reiz. Zudem entschädigen schöne Ausblicke für viele Schweißtropfen. Das kann ich bestätigen.

Von Nico Beck

Quelle: HNA

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