Sehnsucht nach Romantik: Montagsinterview mit „Burgvogt“ Stefan Ley von der Tannenburg

Nicht gerade zimperlich ging es im Mittelalter zu: Auf der Tannenburg wird die Ritterzeit am kommenden Wochenende wieder lebendig. Auf unserem Archivbild im Hintergrund der 1. Mann des Magistrates „Meyster“ Ralf Hilmes (Mitte). Foto: Meyer/AR

Nentershausen. Auf der Tannenburg finden am kommenden Sonntag, 2. Oktober, wieder das traditionelle Burgfest und der Mittelaltermarkt statt. Mit dem Burgvogt und Geschäftsführer des Trägervereins „Lebendige Burg", Stefan Ley, sprach Kai A. Struthoff über die Faszination des Mittelalters.

Herr Ley, wir leben in einer hochtechnisierten Zeit. Warum reizt trotzdem so viele Menschen das einfache, raue, ja auch schmutzige und brutale Leben im Mittelalter?

Stefan Ley: Man sehnt sich heute vermutlich nach dem einfacheren, an der Natur orientierten Leben. Einige Mittelalterfreunde verklären aber auch diese Zeit, weil sie darin eine heute verlorene Romantik sehen. Unser Verein versucht, die Historie ohne Verklärung wiedererlebbar zu machen.

Sie setzen also eher auf Wissensvermittlung?

Stefan Ley, Burgvogt der Tannenburg.

Ley: Genau, in unserem Verein ist eigentlich jeder froh, dass er im Hier und Heute lebt, aber trotzdem die Möglichkeit hat, das Mittelalter zu erfahren. Dabei geht es uns um Kleidung, Handwerk, Werkzeuge, aber auch um die Entwicklung der Metallverhüttung oder des Schmiedens. All das hat sich ja über Jahrhunderte entwickelt.

Was bieten Sie den Besuchern auf der Tannenburg in diesem Jahr beim Mittelaltermarkt?

Ley: Es gibt ein buntes Programm auf der Bühne, aber auch im Tal, denn auf dem Marktplatz ist es meist ziemlich eng. Auch im Burghof gibt es Programm. Dazu gehören Tänze, Schaukämpfe, Gaukler, Jongleure, Zauberer. Außerdem versuchen Musiker, die Stimmung der damaligen Zeit wiederaufleben zu lassen. Und natürlich gibt es mittelalterliche Speisen und Getränke, unter anderem den Honigwein, der seit zwei Jahren von unseren Burgbienen geliefert wird.

Ein solches Fest zu organisieren macht viel Arbeit. Wie schaffen Sie das?

Ley: Das macht ein kleiner Kreis aus unserem Verein, und es gibt eine klare Aufgabenverteilung. Außerdem sind die vielen ehrenamtlichen Helfer dabei, die jetzt schon alles vorbereiten, beispielsweise die Waldwege und die Wiesen mähen. Zudem helfen auch befreundete Vereine aus Nentershausen, allen voran die Feuerwehr und der Schützenverein. Für einen kleinen Ort wie Nentershausen sind einige tausend Besucher ja schon einer Herausforderung.

Es gibt überall Mittelalterfeste und -märkte, zum Beispiel auch auf Burg Herzberg in Breitenbach. Machen Sie sich eigentlich Konkurrenz, oder unterstützen Sie sich?

Ley: Die Grimm Heimat Nordhessen hat eine Schlösser und Burgen-Kooperation initiiert. Dort treffen wir uns seit zwei Jahren mehrmals im Jahr und besprechen wie man gemeinsam Marketing machen und sich unterstützen kann. Die Probleme der Burgherren sind ja überall ähnlich - etwa der große Renovierungsstau. Ziel ist es, auch die Öffentlichkeit mit einzubinden, um diese Aufgaben zu finanzieren.

Das Mittelalterfest ist ja nur ein Aspekt der Arbeit Ihres Vereins. Was tun Sie sonst, um so ein altes Gemäuer wie die Tannenburg aufrecht zu erhalten?

Ley: Am wichtigsten ist die ganzjährige Nutzung durch die Gastronomie. Die Burg ist verpachtet an die Betriebsgesellschaft „Allerley“, die im ganzen Jahr Veranstaltungen hat. Wichtig ist, dass die Burg genutzt wird. Ende Dezember endet bei uns das Burgjahr. Aber nach einer kurzen Winterpause geht es dann schon weiter mit der „Nacht der Eulen“, die wir gemeinsam mit einer Falknerei im Rittersaal veranstalten.

Der Unterhalt einer Burg ist sehr teuer. Wie kommen Sie finanziell klar, und gibt es denn auch genug Unterstützung von offizieller Seite?

Ley: Die größte Einnahmequelle ist tatsächlich das bevorstehende Burgfest, hinzu kommen Spenden und die Beiträge der rund 200 Mitglieder sowie die Pacht. Für bestimmte Baumaßnahmen erhalten wir aber auch Zuschüsse und das klappt sehr gut. Immerhin gibt es in Hessen noch finanzielle Unterstützung für alte Burgen, das ist nicht in allen Ländern so.

Hand aufs Herz: Würden Sie selbst auch gern mal im Mittelalter leben?

Ley: Ich finde den Abstand, den wir zum Mittelalter haben eigentlich sehr gesund. Ich bin froh, nicht in dieser Zeit leben zu müssen. Aber ich würde gern wissen, wie die Tannenburg vor 600 Jahren ausgesehen hat. Es gibt nämlich keine zeitgenössischen Abbildungen. Wir vermuten, dass die Tannenburg früher ganz anders aussah - mit Türmen und Zinnen. Das würde ich gern mal sehen. (Lacht) Aber wenn ich dann schon im Mittelalter wäre, dann am liebsten als Mönch im Kloster in Hersfeld mit geregeltem Tagesablauf, Mahlzeiten und medizinischer Versorgung.

Zur Person

Stefan Ley (45) stammt aus Siegburg im Rhein-Sieg-Kreis, und er lebt seit dem Jahr 2000 in Nentershausen. Ley ist gelernter Schreiner und Holzrestaurator und ist jetzt Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft der Tannenburg. Seine handwerklichen Kenntnisse kommen ihm auf der Tannenburg oft zu Gute, wenngleich er sich hauptsächlich um die Büroarbeit und die Organisation kümmert. Er lebt auf der Burg. Ley ist nicht verheiratet und hat keine Kinder.

Mehr als 600 Darsteller sind dabei

Bereits zum 22. mal findet am kommenden Sonntag, 2. Oktober, ab 10.30 Uhr auf der Tannenburg das große Burgfest mit Mittelaltermarkt statt. Die Besucher erwartet ein Streifzug durch die Jahrhunderte des Mittelalters.

Dazu gehört auch ein großes Heerlager im Tal unterhalb der Burg. Die burgundischen Ritter zeigen ihre Kampfkunst und am Nachmittag kann man am Fuße der Burg Zeuge der „Schlacht am Tannenberg“ mit zahlreichen Gerüsteten werden.

Insgesamt werden mehr als 600 Darsteller backen, drechseln, färben, filzen, handeln, kochen, ledern, malen, nähen, plattnern, (feiern), schmieden, schnitzen, schustern, steinmetzen, töpfern, weben, zapfen und zimmern, um den Besuchern einen Eindruck vom Leben im Mittelalter zu vermitteln, heißt es auf der Internetseite der Tannenburg.

Auch das Feiern soll nicht zu kurz kommen. Für das leibliche Wohl sorgen der Förderverein der Burg und die Burgküche mit Gebratenem und Gebackenem, sowie reichlich Schwarzbier vom Fass.

„Zur 12. Stund“ erfolgt die feierliche Eröffnung durch den 1. Mann des Magistrates Meyster Ralf Hilmes. Für musikalische Unterhaltung sorgen die Spielleute „Poeta Magica“ und „Musica Vulgaris“, die Gaukler „Fahrend Volker“ und „Aptus Ludus“.

Eintrittspreise: Erwachsene zahlen 5 Euro, Kinder kosten 3 Euro, Kinder unter dem Schwertmaß haben freien Eintritt.

Infos: www.tannenburg.de

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