Post von vor 100 Jahren: Bebranerin fand Karten aus dem 1. Weltkrieg

Zwei ihrer Schätze: Inge Fabritz und die Feldpostkarten, die ihre Mutter vor 100 Jahren geschickt bekam Foto: Henkel

Bebra. Die Briefe, die Inge Fabritz eigentlich lesen wollte, waren 70 Jahre alt. Ihr Bruder, der im 2. Weltkrieg fiel, hatte sie seinerzeit an ihre Mutter in Raboldshausen geschrieben. Doch als die Bebranerin das Kästchen öffnete, in der die Post tatsächlich war, staunte sie nicht schlecht.

Die 80-Jährige fand Dutzende von Feldpostkarten aus dem 1. Weltkrieg. Adressatin war ebenfalls ihre Mutter – deren Brüder, die an der Front gewesen waren, waren die Absender. „Das ist ein kleines Juwel, was ich da gefunden habe“, strahlt Inge Fabritz. Ihre Mutter, 1901 in Raboldshausen geboren, war die Jüngste von elf Geschwistern, erzählt Inge Fabritz. Der Vater war Lehrer und Kantor im Ort. Von ihren sechs Brüdern zogen drei in den Krieg und schrieben ihrer jüngeren Schwester, „Frl. Lina Iber“, regelmäßig. Als ihre Mutter starb, nahm Inge Fabritz das Kästchen an sich, in dem die Briefe ihres Bruders waren. Von der noch viel älteren Post wusste sie jahrelang nichts, wie sie sagt.

Die Motive der Feldpostkarten muten heute seltsam an. Die farbigen Bilder zeigen Soldaten vor einem Holzhaus, darüber steht geschrieben „Willkommene Heimatgrüße“. Eine andere Karte zeigt den gekreuzigten Christus – doch das Kreuz liegt am Boden. Die Erklärung dazu: „Schlacht bei Saarburg, 20. Aug. 1914, Kreuz auf dem Schlachtfeld an der Strasse nach Bühl. Das Kreuz wurde weggeschossen, die Statue des Heilands blieb wunderbarerweise erhalten.“ Andere Karten zeigen ein Blumen pflückendes Mädchen auf einem Feld – oder eine Mutter mit zwei Kindern und die Mahnung: „In unseren Kindern liegt Deutschlands Zukunft. Tragt alle bei zu Deutschlands Spende für Säuglings- und Kleinkinderschutz.“

Schwierigkeiten hat Inge Fabritz dagegen, die Grüße auf der Rückseite zu entziffern. „Eine Bekannte muss mir damit helfen, sie kennt die altdeutsche Schrift“, hofft die Bebranerin, die Texte irgendwann ganz lesen zu können. Bis dahin bleiben ihr nur Satzfetzen auf dem vergilbten Karton: „Liebes Schwesterchen, für deinen lieben Brief herzlichen Dank, ich habe mich sehr über ihn gefreut, ...“, schreibt etwa Emil Iber an Inge Fabritz’ Mutter. Auf einer anderen Feldpost-Wohlfahrtskarte sendet er „Weihnachtsgrüße nach Oberaula – Dein Bruder Emil“. Emil Iber kehrte aus dem Krieg zurück und war lange Jahre Lehrer in Bebra, erzählt Inge Fabritz.

Auch Emil Ibers Bruder Otto schrieb Karten von der Front, aus der „Dt. Südarmee“. „Uns beiden geht es derzeit noch gut“, lauten die Grüße, oder: „Morgen geht es ab nach Rumänien“.

Inge Fabritz hat selbst fünf Kinder, deren Familien mit Enkeln und Urenkeln über ganz Deutschland verteilt leben. Sie ist glücklich, die geschriebenen Zeugen der Familien-Geschichte gefunden zu haben. Und wiederholt: „Das ist für mich ein Juwel.“

Von Rainer Henkel

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