Elsbeth Kurth verlor langsam ihr Augenlicht: "Niemand wollte eine Blinde"

Erledigt alles wie eine sehender Mensch: Elsbeth Kurth liest Blindenschrift. Foto: Geier

Hönebach. Am Tag der Sehbehinderung sprach die HNA mit Elsbeth Kurth. Die 62-Jährige wuchs mit mit einer Sehbehinderung auf und erblindete vor 27 Jahren komplett.

Mit sicheren Schritten bewegt sich Elsbeth Kurth durch die Wohnung. Nur beiläufig tastet sie nach dem Türrahmen, legt die Distanz zum Küchentisch zurück, greift nach dem Stuhl. Keine Unsicherheit. Keine Angst. Keine Angst mehr.

Früher war das anders. Ihr größtes Hindernis war sie selbst. Sie wuchs in Hönebach auf, war ein Kind wie jedes andere. Sie konnte sehen. Durch einen Schubser eines Klassenkameraden veränderte sich ihr ganzes Leben. Auch wenn sie sich nur die Hüfte brach, zog sie sich bei ihren unzähligen Krankenhausaufenthalten eine Regenbogenhautentzündung zu, die chronisch wurde. Von da an nahm ihre Sehbehinderung ihren Lauf.

Ihre Schulzeit beschreibt sie als Qual: „Meine Freundin las mir alle Texte halblaut vor, zu Hause tat das dann meine Mutter. Mit einem dicken Filzstift machte ich dann meine Hausaufgaben - den konnte ich noch erahnen - am nächsten Tag konnte ich nichts mehr lesen.“ Einige Mitschüler unterstützten sie, andere machten sich über ihre Sehbehinderung lustig.

„Niemand wollte eine Blinde“ 

Erst ein paar Jahre später besuchte sie im Alter von 14 Jahren eine Blindenschule in Marburg. Dort bekam sie eine blindentechnische Grundausbildung und besuchte zwei Jahre lang die Handelsschule. Mit 17 ausgelernt, dachte sie nun endlich auf eigenen Beinen stehen zu können und selbst Geld zu verdienen. Es kam anders. „Ich konnte machen was ich wollte, keiner wollte eine blinde Sekretärin“, erzählt die 62-Jährige heute. „Damals konnte ich noch schemenhaft dunkle und helle Dinge ausmachen.“ In den Vorstellungsgesprächen verschleierte sie ihre Sehbehinderung stets, wenn es gut lief gestand sie den Zustand ihres Sehsinns und wurde abgewiesen. Eine schlimme Zeit: Ständig wurde die junge Frau von Selbstzweifeln gequält. Sie wollte arbeiten, aber keiner wollte sie.

Elsbeth Kurth hat nicht resigniert, sie engagiert sich vielmehr in der Behindertengruppe Osthessen sowohl für ihre eigenen Belange, als auch für die Interessen anderer Betroffener. Zeigt anderen, dass sie keine Angst haben müssen, denn sie hatte viel zu lange zu viel Angst. „Ich hatte als junge, fast blinde Frau viele Hemmungen und Ängste“, berichtet sie kopfschüttelnd. Sie hat sich viele Hindernisse selbst geschaffen. Aß in der Öffentlichkeit nichts, weil sie Angst hatte, die Aufmerksamkeit anderer zu erregen. Im Wartezimmer, wenn andere in einer Zeitschrift lasen, griff sie ebenfalls nach einer und tat so als lese sie.

Zu viel Angst 

Ähnliche Ängste durchlebte sie Jahre später mit ihrem Leitstock. Nach einem Mobilitätstraining ließ sie ihn zehn Jahre lang in der Ecke stehen. „Unter Sehenden fühlte ich mich mit dem Stock unwohl“, erklärt sie. Sie weiß, dass eine Blinde unter Sehenden nicht richtig wahrgenommen wird. Beim Einkaufen mit dem Ehemann wurde sie regelmäßig übergangen. Die Verkäufer wandten sich immer an ihren Mann, wenn sie etwas wollte.

Sie ist stolz, dass sie die Ängste und Hemmungen überwunden hat, gibt dieses Wissen an andere Sehbehinderte und Blinde weiter, damit diese es besser machen können und sich nicht so viele Hindernisse in den Weg legen. Denn sie wünscht sich, sie wäre damals sehr viel mutiger gewesen.

Quelle: HNA

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